Die Vancouver-Zitierweise ist in Medizin, Pflege und Gesundheitswissenschaften der Standard, und wenn du eine klinische Bachelor- oder Masterarbeit schreibst, hast du vermutlich keine Wahl. Der Stil wirkt auf den ersten Blick einfach: Zahlen im Text, nummerierte Liste am Ende. Die Fallstricke stecken, wie fast immer, in den Details — und darin, dass eine saubere Nummerierung noch nichts darüber sagt, ob die Quelle den Satz, den du belegst, auch wirklich trägt.
Diese Anleitung zeigt dir die Grundregeln, die wichtigsten Quelltypen und die Stellen, an denen Vancouver-Arbeiten regelmässig Punkte liegenlassen.
Ein Hinweis vorweg: Reale Belege (ESC-Leitlinie, Harrison, WHO-Diabetesbericht) sind unten als solche angegeben; alle übrigen Autor:innennamen, DOIs und Fallnummern sind rein illustrativ und sollen die Form zeigen — nicht abschreiben.
Das Grundprinzip: Nummern statt Namen
Im Fliesstext steht statt (Müller 2023) eine einfache Zahl. Üblich sind runde Klammern oder hochgestellte Ziffern, seltener eckige Klammern — welche Variante dein Lehrstuhl verlangt, steht im Merkblatt.
Die Prävalenz von Vorhofflimmern steigt mit dem Alter deutlich an (1).
Oder, hochgestellt:
Die Prävalenz von Vorhofflimmern steigt mit dem Alter deutlich an.¹
Im Literaturverzeichnis am Ende sortierst du in der Reihenfolge, in der die Quelle zum ersten Mal im Text auftaucht — nicht alphabetisch. Jede Quelle bekommt eine feste Nummer, und wenn du sie später im Text noch einmal zitierst, nutzt du dieselbe Zahl:
Die ESC-Leitlinie empfiehlt bei allen Patient:innen über 65 Jahren ein opportunistisches Screening (1). Diese Empfehlung stützt sich auf eine Metaanalyse mit mehr als 100’000 Teilnehmenden (1).
Zwei Belege, eine Zahl, eine Nummer in der Liste. Das ist der zentrale Unterschied zu APA oder Harvard.
Autor:innen: ab wann et al.
Bis zu sechs Autor:innen werden alle namentlich aufgeführt. Ab dem siebten Namen schneidet Vancouver nach den ersten sechs ab und ergänzt et al.:
Smith J, Weber A, Hoffmann P, Bauer L, Keller M, Reinmann G. Prevalence of atrial fibrillation in community-dwelling adults. N Engl J Med. 2024;390(5):421–430.
Smith J, Weber A, Hoffmann P, Bauer L, Keller M, Reinmann G, et al. Long-term follow-up of patients with persistent atrial fibrillation. Lancet. 2023;401(10378):789–800.
Format der Namen: Nachname zuerst, dann die Initialen ohne Punkt und ohne Komma dazwischen (Smith J, nicht Smith, J.). Zwischen den Autor:innen stehen Kommata, nach dem letzten Namen ein Punkt. Diese Konvention stammt aus NLM, der National Library of Medicine, und ist in der klinischen Welt sehr strikt.
Zeitschriftenartikel: der Grundfall
Der klassische Vancouver-Eintrag für einen Zeitschriftenartikel sieht so aus:
- Hindricks G, Potpara T, Dagres N, Arbelo E, Bax JJ, Blomström-Lundqvist C, et al. 2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation. Eur Heart J. 2021;42(5):373–498. doi:10.1093/eurheartj/ehaa612
Elemente in dieser Reihenfolge:
- Autor:innen (bis sechs ausgeschrieben, dann et al.)
- Titel des Artikels (ohne Anführungszeichen, nur das erste Wort gross)
- Abgekürzter Journalname nach NLM-Norm (
Eur Heart J, nichtEuropean Heart Journal) - Jahr;Band(Heftnummer):Seitenbereich
- DOI, falls vorhanden
Die Journal-Abkürzungen sind der Punkt, an dem viele Arbeiten inkonsistent werden. Verwende das NLM-Katalog-Tool oder lass dein Literaturverwaltungsprogramm (Zotero, EndNote) die Abkürzung automatisch einsetzen — aber prüf stichprobenweise nach, denn Zotero-Datensätze aus PubMed sind nicht immer sauber.
Bücher und Buchkapitel
Ein ganzes Buch:
- Loscalzo J, Fauci AS, Kasper DL, Hauser SL, Longo DL, Jameson JL, Hrsg. Harrison’s principles of internal medicine. 21. Aufl. New York: McGraw Hill; 2022.
Die Reihenfolge der Herausgeber:innen übernimmst du genau so, wie sie auf der Titelseite steht — Vancouver sortiert hier nicht alphabetisch, und Lehrstühle schlagen das nach.
Ein Kapitel in einem Buch:
- Camm AJ. Atrial fibrillation. In: Zipes DP, Jalife J, Hrsg. Cardiac electrophysiology: from cell to bedside. 8. Aufl. Philadelphia: Elsevier; 2021. S. 787–815.
Beachte: Hrsg. im deutschen Satzraum, eds. im englischen. Das Herausgeberfeld ist leicht zu vergessen, wenn du aus einem Sammelband zitierst — und genau diese Stellen fallen Lehrstühlen auf.
Online-Quellen und Leitlinien
Leitlinien, Websites und PDFs ohne Journalbezug zitierst du mit Zugriffs- oder Veröffentlichungsdatum und URL:
- World Health Organization. Global report on diabetes [Internet]. Genf: WHO; 2016 [zitiert 2026-10-15]. Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/9789241565257
Für Leitlinien der AWMF (Deutschland), DGK, SGK (Schweiz) oder NICE (UK) gilt dasselbe Muster. Die Zeichenfolge [Internet] nach dem Titel signalisiert, dass es sich nicht um Printliteratur handelt — Vancouver sieht das standardmässig vor, viele Lehrstühle verzichten darauf. Im Zweifel: ins Merkblatt schauen.
Preprints, Konferenzbeiträge, graue Literatur
Preprints von medRxiv oder bioRxiv markierst du als solche:
- Chen Y, Liu H, Wang J. Early safety signals of a novel GLP-1 agonist [Preprint]. medRxiv. 2026 [zitiert 2026-10-10]. doi:10.1101/2026.02.14.26000123
Konferenzbeiträge:
- Weber A. Risk stratification in heart failure with preserved ejection fraction. In: Proceedings of the European Society of Cardiology Congress; 2023 Aug 25–28; Amsterdam. Sophia Antipolis: ESC; 2023. S. 112.
Graue Literatur (Dissertationen, Berichte, Statistik-Datenbanken) folgt dem gleichen Muster: Autor, Titel, Typ in eckigen Klammern, Herausgeber, Jahr. Je transparenter, desto besser — es gibt keine saubere Standardform für jeden Fall.
Mehrere Quellen auf einmal zitieren
Wenn ein Satz auf mehreren Quellen ruht, listest du die Nummern:
Die Evidenzlage ist konsistent (1,3,5,7).
Bei zusammenhängenden Nummern mit Bindestrich:
Mehrere Metaanalysen bestätigen den Effekt (1–4).
Wichtig: Der Bindestrich darf nur stehen, wenn alle Zwischenquellen wirklich zum Satz passen. (1–4) heisst, dass die Quellen 1, 2, 3 und 4 den Satz tragen — nicht nur 1 und 4. Diese Abkürzung ist bequem und wird oft falsch gesetzt, besonders wenn du am Ende der Arbeit noch einmal Quellen einfügst und die Nummerierung durcheinandergerät.
Direktzitate und Seitenzahlen
Vancouver kennt keine so strikte Seitenzahlpflicht wie APA. Üblich sind zwei Varianten:
Die Autor:innen schlussfolgern, dass “the benefit was clinically meaningful across all subgroups” (1, S. 428).
Oder, im englischen Original:
The authors conclude that “the benefit was clinically meaningful across all subgroups”¹⁽ᵖ⁴²⁸⁾.
Für Paraphrasen reicht die blosse Nummer. Trotzdem ist eine Seitenangabe oft eine gute Idee, besonders bei langen Reviews oder Leitlinien — Prüfende, die nachschlagen wollen, sind dir dankbar.
Was Vancouver nicht löst: die Inhaltsfrage
Die Vancouver-Zitierweise sorgt dafür, dass eine Lesende die Quelle findet. Was sie nicht sagt: ob die Aussage, die du der Quelle zuschreibst, dort auch wirklich steht. Genau dieser Fehler ist in klinischen Abschlussarbeiten der häufigste und zugleich der folgenschwerste. Ein Satz wie “Metformin reduziert die kardiovaskuläre Mortalität um 36 % (12)” ist formal korrekt, wenn die Zahl 12 auf eine echte Studie zeigt — aber inhaltlich falsch, wenn genau diese Zahl in der Studie nicht so dort steht, sondern aus einer Pressemitteilung, einem Sekundärreferat oder einer Fehlinterpretation stammt.
Plagiatssoftware erkennt solche Fehler nicht, Literaturverwaltungsprogramme ebenso wenig. Beide prüfen Form und Textübereinstimmung, nie den Inhalt.
Für einen schnellen Befund musst du nichts hochladen: Der kostenlose Quick Check analysiert dein Literaturverzeichnis direkt im Browser und markiert problematische Einträge — etwa Quellen, die sich so nicht auffinden lassen, oder Angaben, die auf einen falschen Band oder eine falsche DOI zeigen. Für den vollständigen Abgleich lädst du bei Acurio deine Arbeit plus die zitierten PDFs hoch — jeder Beleg wird inhaltlich gegen die Quelle geprüft, Aussage gegen Textstelle, inklusive Seitenangabe.
Checkliste vor der Abgabe
- Nummern im Text folgen der Reihenfolge des ersten Auftretens.
- Jede Nummer taucht genau einmal in der Literaturliste auf — die Nummerierung ist lückenlos.
- Bis zu sechs Autor:innen sind ausgeschrieben, ab sieben steht
et al. - Journal-Abkürzungen folgen NLM, nicht dem Zotero-Default.
- Band, Heftnummer und Seitenbereich sind beim Zeitschriftenartikel vollständig.
- DOI oder URL ist bei online verfügbaren Quellen angegeben.
- Nummer-Bereiche mit Bindestrich decken wirklich alle Zwischenquellen ab.
Wenn du diese Punkte einmal mit dem Finger auf der Seite durchgehst, bist du formal auf der sicheren Seite. Den inhaltlichen Teil — ob jede Nummer auf eine Quelle zeigt, die das sagt, was du behauptest — übernimmt entweder ein zweites Paar Augen oder ein Tool, das genau dafür gemacht ist.