Die Chicago-Zitierweise ist in Geschichte, Theologie, Kunstgeschichte und Teilen der Philosophie der Standard — und sie ist der einzige grosse Zitierstil, der mit zwei komplett unterschiedlichen Formen daherkommt. Welche du nutzt, hängt am Fach und am Lehrstuhl, nicht an deiner Vorliebe. Dieser Beitrag zeigt dir beide Varianten nach der aktuellen 18. Auflage, die wichtigsten Quelltypen und die Stellen, an denen Chicago-Arbeiten regelmässig Punkte verlieren.
Zur Orientierung: Alle Namen und DOIs in den Beispielen sind illustrativ und sollen nur die Form zeigen — nicht als Beleg abschreiben.
Zwei Systeme, ein Manual
Das Chicago Manual of Style (CMS, aktuell 18. Auflage, 2024) definiert zwei parallele Belegsysteme:
- Notes and Bibliography (NB) — Fussnoten im Text plus alphabetisches Literaturverzeichnis. Fachgebiete: Geschichte, Theologie, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie.
- Author-Date — Autor-Jahr-Beleg in Klammer plus Reference List. Fachgebiete: Natur- und Sozialwissenschaften, teils Wirtschaftswissenschaften.
Du musst dich für eines entscheiden und es konsequent durchziehen. Wer mitten in der Arbeit zwischen Fussnote und Klammerbeleg wechselt, macht den sichtbarsten Formfehler, den Chicago kennt.
| Element | Notes-Bibliography | Author-Date |
|---|---|---|
| Im Text | Hochgestellte Fussnotenziffer | (Müller 2023, 42) |
| Belegort | Fussnote am Seitenende | Klammer im Fliesstext |
| Verzeichnis | Bibliography, alphabetisch | Reference List, alphabetisch |
| Hauptanwendung | Geisteswissenschaften | Naturwissenschaften |
Variante 1: Notes and Bibliography
Die Fussnote im Erstbeleg
Beim ersten Mal, dass du eine Quelle zitierst, bekommt sie eine vollständige Fussnote mit allen bibliographischen Angaben:
¹ Anna Müller, Stadt und soziale Frage: Eine Geschichte (Suhrkamp, 2023), 42.
Das Komma vor der Seitenzahl ist nicht optional, der Buchtitel steht kursiv, Verlag und Jahr in runder Klammer.
Verlagsort: Seit der 18. Auflage verlangt Chicago für Bücher keinen Verlagsort mehr (CMS 18, 14.30); Verlag und Jahr reichen. Bei Büchern vor 1900 nennt man weiterhin meist den Ort. Manche Lehrstühle wollen den Ort auch bei neueren Büchern — dann steht er vor dem Verlag: (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2023). Entscheidend ist, dass du es in der ganzen Arbeit gleich machst.
Für einen Zeitschriftenartikel:
² Peter Schmidt, “Urbanisierung und Pauperismus im Vormärz,” Historische Zeitschrift 318, Nr. 2 (2024): 112.
Beachte: Artikeltitel in Anführungszeichen, Zeitschriftentitel kursiv, Band ohne “Bd.”, Heftnummer nach “Nr.” oder “no.” (englisch), Seitenangabe nach Doppelpunkt.
Die Kurzform im Folgebeleg
Beim zweiten und jedem weiteren Beleg derselben Quelle reicht die Kurzform: Nachname, Kurztitel (ein, zwei Stichworte), Seitenzahl.
³ Müller, Stadt und soziale Frage, 58.
Und Ibid. (“ebenda”)? Schon die 17. Auflage riet davon ab und empfahl die Kurzform. Die 18. Auflage (13.37) lässt Ibid. nur zu, wenn die unmittelbar vorangehende Fussnote genau eine Quelle nennt — und bevorzugt auch dann die Kurzform. Sie ist eindeutiger, besonders wenn später jemand Fussnoten verschiebt oder löscht. Deutschsprachige Lehrstühle verlangen teils ebd. oder a. a. O.; hier gilt: Merkblatt lesen, nicht raten. Mehr zu den Abkürzungen steht im Beitrag zu ebd., ibid. und a. a. O..
Die Bibliographie am Ende
Zum selben Buch gehört in der Bibliographie:
Müller, Anna. Stadt und soziale Frage: Eine Geschichte. Suhrkamp, 2023.
Unterschiede zur Fussnote:
- Nachname zuerst (für die Sortierung)
- Punkt statt Komma zwischen den Elementen
- Keine runde Klammer um Verlag und Jahr
- Keine Seitenangabe (die steht nur in der Fussnote)
- Hängeneinzug ab der zweiten Zeile
Zum Artikel entsprechend:
Schmidt, Peter. “Urbanisierung und Pauperismus im Vormärz.” Historische Zeitschrift 318, Nr. 2 (2024): 95–128.
Hier erscheint der volle Seitenbereich des Artikels, nicht die zitierte Einzelseite.
Variante 2: Author-Date
Author-Date ist für Chicago-Umsteiger aus APA-Fächern eingängiger. Im Fliesstext steht:
Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts war primär eine Frage urbaner Räume (Müller 2023, 42).
Also Nachname, Jahr, Seitenzahl ohne Komma zwischen Autor und Jahr, mit Komma vor der Seite — subtil anders als APA (dort Müller, 2023, S. 42).
In der Reference List:
Müller, Anna. 2023. Stadt und soziale Frage: Eine Geschichte. Suhrkamp.
Das Jahr rutscht direkt hinter den Autor:innennamen; sonst enthält der Eintrag dieselben Elemente wie in der NB-Bibliography.
Mehrere Autor:innen
Die 18. Auflage hat die Schwellen neu gesetzt (CMS 18, 13.23 und 13.107):
- In Fussnoten und Autor-Jahr-Belegen werden bis zwei Autor:innen genannt. Ab drei steht nur der erste Name plus
et al. - In Bibliographie und Reference List werden bis sechs Autor:innen ausgeschrieben. Bei mehr als sechs stehen die ersten drei, dann
et al.
Beispiele:
- Fussnote, zwei Autor:innen:
Schmidt und Weber, Industrielle Revolution, 112. - Fussnote, drei oder mehr:
Schmidt et al., Industrielle Revolution, 112. - Author-Date, zwei bzw. drei oder mehr:
(Schmidt und Weber 2021, 112)bzw.(Schmidt et al. 2021, 112) - Bibliographie, vier Autor:innen — alle Namen, der erste invertiert:
Schmidt, Peter, Anna Weber, Lukas Hoffmann und Maria Keller. - Bibliographie, sieben Autor:innen — die ersten drei plus et al.:
Schmidt, Peter, Anna Weber, Lukas Hoffmann, et al.
Die 17. Auflage hatte andere Werte: et al. erst ab vier Autor:innen in Fussnoten und Klammerbelegen, in der Bibliographie alle Namen bis zehn. Ältere Merkblätter und Vorlagen nennen oft noch diese Zahlen. Prüf, nach welcher Auflage dein Lehrstuhl zitiert.
Archivquellen und ungedruckte Materialien
Chicago ist in der Geschichtswissenschaft Standard, weil es Archivquellen sauber behandelt. Format in der Fussnote:
⁴ Brief von Anna Müller an Carl Reinmann, 12. März 1848, Nachlass Müller, Bestand N1234/42, Bundesarchiv Koblenz.
Elemente in dieser Reihenfolge: Dokumenttyp mit Absender und Empfänger, Datum, Sammlung/Nachlass, Signatur, Archiv und Standort. Die Signatur ersetzt die Seitenzahl.
In die Bibliographie kommen Archivquellen oft gebündelt pro Sammlung, nicht pro Dokument:
Nachlass Müller. Bundesarchiv Koblenz. Bestand N1234.
Welche Granularität dein Lehrstuhl will, steht im Merkblatt — hier gibt es echte Varianten.
Internetquellen, Online-Journale, Datenbanken
Für Online-Journale mit DOI hängst du die DOI als Link an:
⁵ Bernhard Sicken, “Privates Kapital für öffentliche Aufgaben: Aktiengesellschaften in Preußen zum Ausbau der militärischen Infrastruktur zwischen Vormärz und Reichsgründung,” Historische Zeitschrift 302, Nr. 3 (2016): 650, https://doi.org/10.1515/hzhz-2016-0190.
Bei Webseiten ohne Publikations- oder Änderungsdatum setzt du ein Zugriffsdatum vor die URL:
⁶ Deutsches Historisches Museum, “Unsere Ausstellungen,” zugegriffen 15. Oktober 2026, https://www.dhm.de/ausstellungen/.
Chicago verlangt das Zugriffsdatum nur, wenn die Quelle selbst kein Datum trägt. Viele Lehrstühle wollen es trotzdem bei jeder Online-Quelle; auch das steht im Merkblatt.
Direktzitate: Blockzitate und Auslassungen
Wörtliche Zitate bis ca. 100 Wörter laufen im Fliesstext mit Anführungszeichen. Längere Zitate setzt du als Blockzitat ab — eingerückt, ohne Anführungszeichen, einzeilig, in kleinerer Schrift. Die Fussnote (NB) oder Klammer (Author-Date) kommt nach dem Zitatpunkt:
Die zentrale These lautet, dass die soziale Frage ein urbanes Phänomen war. Nicht nur in den Metropolen, sondern auch in den mittelgrossen Industriestädten liess sich das Muster beobachten. (Müller 2023, 42)
Auslassungen markierst du mit … (drei Punkte, in Chicago ohne Klammer), eigene Einfügungen in [eckigen Klammern].
Fehler, die Chicago-Arbeiten regelmässig kosten
- System gemischt. Fussnoten und Klammerbelege in derselben Arbeit — formale Katastrophe, direkt sichtbar.
- Kursiv falsch gesetzt. Buchtitel kursiv, Artikeltitel in Anführungszeichen, nicht umgekehrt. Bei Zeitschriftenaufsätzen kursivieren viele den Artikeltitel — das ist falsch.
- Fussnotenziffer falsch gesetzt. Hochgestellt und nach dem Satzzeichen, nicht davor:
… urbaner Räume.¹ - Seitenangabe fehlt im Erstbeleg. Jede Fussnote mit konkretem Bezug braucht eine Seitenzahl, auch bei Paraphrasen — eine Behauptung ohne Fundort ist keine Behauptung.
- Et-al-Schwelle verwechselt. Nach CMS 18 steht in Fussnoten und Klammerbelegen ab drei Autor:innen der erste Name plus et al.; in der Bibliographie werden bis sechs ausgeschrieben, darüber die ersten drei plus et al. Wer die Werte der 17. Auflage (ab vier, bis zehn) aus einer alten Vorlage übernimmt, zitiert uneinheitlich.
Was Chicago nicht löst: ob die Quelle den Satz trägt
Eine formal perfekte Chicago-Fussnote sagt dir nur, wo du nachschlagen könntest. Sie sagt dir nicht, ob die Aussage im Fliesstext der Seite 42 wirklich entspricht. In der Geschichtswissenschaft, wo Argumente oft über Dutzende verstreute Fussnoten laufen, ist das eine typische Fehlerquelle: Eine Fussnote zeigt auf eine Seite, auf der die zugeschriebene Information in dieser Form nicht steht — oder nur ähnlich, oder im Konjunktiv, oder mit umgekehrtem Vorzeichen.
Weder Plagiatssoftware noch Literaturverwaltung erkennen diesen Typ Fehler. Beide prüfen Form und Textüberlappung, nie Inhalt.
Ohne Upload und ohne Anmeldung siehst du an einem vorgefüllten Beispiel, wie erfundene und falsch zugeordnete Einträge im Check auffallen. Beispiel-Zitat prüfen → Für die inhaltliche Prüfung lädst du bei Acurio deine Arbeit plus die zitierten PDFs hoch — jede Fussnote wird gegen die Quelle geprüft, Aussage gegen Textstelle, inklusive Seitenangabe.
Checkliste vor der Abgabe
- Du nutzt entweder Notes-Bibliography oder Author-Date, nicht beides.
- Bei NB: Erstbeleg vollständig, Folgebelege als Kurzform; Ibid. höchstens direkt nach einer Fussnote mit genau einer Quelle.
- Buchtitel kursiv, Artikeltitel in Anführungszeichen.
- Et al. ab drei Autor:innen in Fussnote und Klammerbeleg; in der Bibliographie bis sechs Namen, darüber die ersten drei plus et al.
- Fussnotenziffer hochgestellt und nach dem Satzzeichen.
- Jede Fussnote mit konkretem Bezug hat eine Seitenzahl.
- Archivquellen mit Signatur, Sammlung, Archiv und Standort.
- Online-Quellen mit DOI, wo vorhanden; Zugriffsdatum, wenn die Seite kein eigenes Datum hat oder dein Lehrstuhl es verlangt.
Wenn diese Punkte stimmen, bist du formal auf der sicheren Seite. Ob die Fussnote inhaltlich trägt, bleibt die Frage, die kein Stilhandbuch beantwortet — die musst du selbst nachschlagen oder nachschlagen lassen.