Eine zurückgezogene Studie ist eine Studie, die es offiziell nicht mehr gibt. Der Verlag hat sie aus dem wissenschaftlichen Diskurs entfernt — meist wegen Datenfälschung, Plagiat, methodischer Fehler oder ethischer Verstösse. Trotzdem stehen die PDFs weiter im Netz, tauchen in Google Scholar auf und werden Jahr für Jahr weiterzitiert. Wenn eine solche Studie in deiner Bachelor- oder Masterarbeit landet, argumentierst du mit einer Aussage, die die Wissenschaft selbst für falsch erklärt hat. Diese Anleitung zeigt dir, wie du das vor der Abgabe vermeidest.
Was heisst “retracted” überhaupt?
Eine Retraction ist die offizielle Rücknahme eines veröffentlichten Artikels durch den Verlag. Das Committee on Publication Ethics (COPE) hat dafür klare Kriterien: Retraction ist die härteste Massnahme und kommt zum Einsatz, wenn die Ergebnisse eines Papers nicht mehr belastbar sind — sei es wegen Fehler oder wegen Fehlverhalten.
Es gibt drei verwandte, aber unterschiedliche Stufen:
- Correction (Erratum, Corrigendum). Der Artikel bleibt gültig, einzelne Fehler werden korrigiert. Meist harmlos.
- Expression of Concern. Der Verlag hat begründete Zweifel an der Studie, kann aber (noch) keine Retraction aussprechen. Ein deutliches Warnsignal.
- Retraction. Die Studie ist zurückgezogen. Sie darf nicht mehr als Beleg für die ursprüngliche Aussage verwendet werden.
Wichtig: Ein retracted paper wird meist nicht gelöscht. Es bleibt online, oft mit einem Wasserzeichen “RETRACTED” auf jeder Seite — und wer die PDF ohne Verlagsseite herunterlädt, sieht diesen Hinweis nie.
Warum retracted Papers ein Studierendenproblem sind
Retractions sind kein akademisches Randphänomen. Die Retraction Watch Database listet über 55’000 zurückgezogene Artikel; 2023 wurden allein rund 10’000 Retractions gezählt — mehr als je zuvor. Für dich als Studierende:r sind vier Effekte konkret spürbar:
- Google Scholar zeigt Retractions nicht prominent an. Der Retraction-Hinweis erscheint nur, wenn du auf die Verlagsseite gehst. Wer PDFs über ResearchGate, SciHub oder ein PDF-Repository lädt, sieht ihn oft gar nicht.
- Retracted Papers sammeln nach der Retraction weiter Zitationen. Studien zeigen, dass ein zurückgezogenes Paper im Schnitt weitere sechs bis zwölf Zitationen pro Jahr bekommt — von Autor:innen, die die Retraction nicht bemerkt haben.
- Der Verlag informiert dich nicht. Wenn du eine Studie 2023 heruntergeladen hast und sie 2025 zurückgezogen wird, erfährst du es nicht aus deinem PDF-Ordner. Zotero und Mendeley haben zwar Retraction-Warnungen eingeführt, aber nur, wenn du sie aktivierst.
- Betreuer:innen prüfen zunehmend digital. Immer mehr Lehrstühle laufen die Quellenliste einer Abschlussarbeit gegen die Retraction Watch Database. Ein zurückgezogenes Paper im Verzeichnis wirkt wie ein Plagiatstreffer: erklärungsbedürftig, notenkostend.
Die drei häufigsten Retraction-Gründe
Damit du beurteilen kannst, ob eine Retraction dein Argument betrifft:
- Datenmanipulation oder -fälschung (rund 40 % der Retractions). Die Ergebnisse sind schlicht nicht echt. Wer sich darauf stützt, verweist auf fiktive Zahlen.
- Duplikatpublikation oder Plagiat (rund 20 %). Der Inhalt ist eventuell korrekt, wurde aber ohne Erlaubnis oder mehrfach veröffentlicht. Zitierbarkeit strittig.
- Methodische Fehler oder nicht reproduzierbare Ergebnisse (rund 20 %). Autor:innen selbst ziehen zurück, weil die Analyse fehlerhaft war. Die Aussage gilt nicht mehr.
Der Rest verteilt sich auf ethische Probleme (fehlende Ethikvotum, Interessenkonflikte) und redaktionelle Fehler.
So findest du retracted Papers in deiner Quellenliste
Vor der Abgabe gehört ein Retraction-Check in die gleiche Kategorie wie ein Plagiats-Check: einmal am Ende, systematisch, für alle Quellen.
1. Retraction Watch Database
retractiondatabase.org — die zentrale Anlaufstelle, seit 2018 von The Center for Scientific Integrity betrieben, seit 2023 unter Crossref-Trägerschaft. Suche nach DOI, Titel oder Autor:in. Kostenlos, kein Login nötig. Für jede deiner Quellen einmal DOI kopieren, dort einfügen, prüfen.
2. Crossref Retraction API
Crossref markiert Retractions direkt am DOI-Datensatz (is-retracted: true). Wenn du Zotero oder EndNote nutzt, laufen diese Warnungen automatisch mit — vorausgesetzt, du hast das Feature aktiviert:
- Zotero: seit Version 6 gibt es die “Retracted Items”-Kollektion. Rot markierter Eintrag = Retraction. Aktualisiert sich mit “Sync”.
- EndNote 20+: Retraction-Icon im Eintrag, wenn eine Retraction im Crossref-Datenbestand steht.
- Citavi: kein natives Retraction-Feature (Stand 2026). Hier musst du extern prüfen.
3. PubPeer
pubpeer.com ist eine Kommentar-Plattform, auf der Forscher:innen Zweifel an Artikeln öffentlich diskutieren. Nicht jeder PubPeer-Eintrag führt zu einer Retraction, aber viele Retractions beginnen dort. Wenn eine deiner Quellen mehrere kritische PubPeer-Kommentare hat, prüfe die Argumentation vor dem Zitieren.
4. Scite.ai
scite.ai klassifiziert jedes Zitat einer Studie als “supporting”, “contrasting” oder “mentioning” — und markiert retracted Papers deutlich. Kostenpflichtig für Vollzugriff, viele Universitäten haben eine Lizenz.
5. PubMed-Filter (Life Sciences)
Für biomedizinische Quellen: PubMed markiert retracted Papers direkt in der Trefferliste (“Retracted Publication”). Für die medizinische oder biologische Abschlussarbeit ist PubMed die einfachste zweite Prüfung.
Praktische Prüfroutine
Zwei bis drei Tage vor Abgabe:
- Alle DOIs sammeln. Exportiere die Bibliografie als BibTeX oder CSV, extrahiere die DOI-Spalte.
- Zotero-/EndNote-Retracted-Filter aufrufen. Wer die Software nutzt, findet Retractions dort in unter einer Minute.
- Retraction Watch Database gegenprüfen. Manche neuen Retractions brauchen ein paar Tage, bis sie in Crossref landen — die Retraction Watch Database ist meist schneller.
- Für graue Literatur (Preprints, Reports) manuell prüfen. Preprint-Server (arXiv, bioRxiv, SSRN) markieren zurückgezogene Preprints separat — die Seite des Preprints selbst zeigt es an.
Rechne mit etwa 30 Minuten für 40 bis 60 Quellen.
Was tun, wenn du eine retracted Studie zitiert hast?
Panik hilft nicht. Geh so vor:
Fall 1: Retraction wegen methodischer Fehler oder Datenfälschung
Die Aussage kann nicht mehr belegt werden. Streich das Zitat und such nach einer Ersatzquelle. Wenn deine Argumentation zentral auf der Studie ruht, muss der Abschnitt umgebaut werden — aber besser jetzt als in der mündlichen Prüfung.
Fall 2: Retraction wegen Duplikatpublikation oder Autorenstreit
Die Inhalte sind unter Umständen weiterhin belastbar. Prüfe, ob die Autor:innen dieselben Inhalte in einem gültigen Paper publiziert haben — Retraction Watch verlinkt oft auf die gültige Version. Ersetz das Zitat durch die gültige Version.
Fall 3: Du willst die Retraction bewusst diskutieren
Es ist legitim, ein retracted Paper zu zitieren, wenn du die Retraction selbst zum Thema machst — etwa in einem Kapitel über Reproduzierbarkeitskrise. In dem Fall zitiere die Studie mit dem Zusatz “(retracted)” und verlinke die Retraction Notice. Beispiel:
Wakefield et al. (1998, retracted 2010) postulierten einen Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus, der sich als Datenfälschung erwies.
Prominente Beispiele — Studien, die bis heute in Bibliografien auftauchen
Retractions, die dir in vielen Feldern über den Weg laufen können:
- Wakefield et al. (1998) — MMR-Impfung / Autismus, retracted 2010 von The Lancet nach Nachweis von Datenmanipulation. Bis heute rund 6’000 Zitationen nach der Retraction.
- Schön et al. (2000er) — Physik, gefälschte Halbleiter-Experimente. 25 Papers retracted zwischen 2002 und 2003.
- Boldt et al. (2010er) — Anästhesie, über 90 Retractions wegen erfundener Daten.
- Frontiers-in-Psychology-Wave 2023 — 90+ Retractions wegen “compromised peer review”. Häufig in psychologischen und pädagogischen Abschlussarbeiten zitiert.
Wenn du in Medizin, Psychologie oder Sozialwissenschaften schreibst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens eine Zitat-Kaskade in deiner Bibliografie über eine dieser Studien läuft.
Ist ein Zitat einer retracted Studie automatisch ein Plagiat?
Nein. Ein retracted Paper zu zitieren ist kein Plagiat und keine eidesstattliche Verletzung. Es ist ein Quellenfehler: Du belegst eine Aussage mit einer Quelle, die die Aussage nicht mehr trägt. Formal ist alles korrekt zitiert — inhaltlich stützt die Quelle deine Behauptung aber nicht mehr. Betreuer:innen bewerten das als methodische Schwäche, nicht als Betrug.
Retraction-Check gehört in den Schreibprozess
Wer erst einen Tag vor Abgabe prüft, findet vielleicht Retractions — hat aber keine Zeit mehr, die Argumentation umzubauen. Zwei einfache Routinen entschärfen das Problem:
- Zotero Retraction-Warnung anschalten (Einstellungen → Allgemein → “Warn me about retracted items”). Damit siehst du eine Retraction beim Einfügen des Eintrags, nicht erst am Ende.
- Bei jedem neuen Eintrag den DOI kurz gegen die Retraction Watch Database prüfen. Zehn Sekunden pro Quelle.
Acurio prüft die andere Seite der Zitatqualität: ob deine Aussage inhaltlich zur zitierten Textstelle passt. Retraction-Prüfung (ist die Quelle überhaupt noch gültig?) ist eine eigenständige Ebene und gehört in den Rechercheprozess. Beides zusammen — gültige Quellen plus korrekte Zitate — schützt dich vor der unangenehmsten Frage in der Verteidigung: “Wussten Sie, dass diese Studie zurückgezogen ist?”