Du sitzt vor einer Paywall, das Paper kostet 42 Franken, und drei Klicks weiter liegt dasselbe Manuskript kostenlos als PDF auf ResearchGate. Darfst du das zitieren? Und wenn ja: welche Version, welche URL, welche DOI? Diese Fragen sind keine Formalien — sie entscheiden mit, ob deine Arbeit einer Zitatprüfung standhält.
Dieser Beitrag klärt, welche Erscheinungsformen wissenschaftlicher Publikationen es gibt, welche in einer Abschlussarbeit zitierbar sind und wie du bei Zweifeln entscheidest.
Die fünf Wege, wie ein Paper öffentlich wird
Fast jedes wissenschaftliche Paper existiert heute in mehreren Fassungen parallel. Wer den Unterschied nicht kennt, zitiert versehentlich die falsche und produziert Falschzitate, weil sich Seitenzahlen oder Formulierungen zwischen den Versionen unterscheiden.
- Preprint (author’s original). Manuskript vor Peer Review. Auf Servern wie arXiv, bioRxiv, medRxiv, SSRN. Vollständig zitierfähig, aber ausdrücklich als Preprint zu kennzeichnen.
- Postprint / Accepted Manuscript (AAM). Nach Peer Review, vor Verlagslayout. Der grüne Open-Access-Weg: viele Verlage erlauben, diese Version 6 bis 24 Monate nach Erscheinen ins Universitätsrepositorium zu stellen.
- Version of Record (VoR). Die verlagsseitige, formatierte, endgültige Fassung mit stabiler DOI. Wenn du eine Wahl hast, zitiere immer diese.
- Gold Open Access. VoR, aber vom ersten Tag an frei zugänglich, weil die Autor:innen (oder ihre Institution) eine Article Processing Charge bezahlt haben. Rechtlich unproblematisch.
- Piratenkopie (Sci-Hub, Libgen, oft ResearchGate). Meist die VoR, ohne Rechte des Verlags. Zitierbar ist die Publikation, nicht die URL — dazu unten mehr.
Die zwei häufigsten Fehler in Bachelorarbeiten: eine ResearchGate-URL statt der DOI angeben, oder einen Preprint zitieren, ohne zu merken, dass inzwischen die gepeer-reviewte VoR mit anderen Ergebnissen erschienen ist.
Was heisst “zitierfähig” überhaupt?
Zitierfähig ist eine Quelle, wenn sie auffindbar, überprüfbar und stabil ist. Alle drei Bedingungen müssen erfüllt sein. Ein Blogpost mit korrekter URL erfüllt Bedingung eins, aber Bedingung drei nur bedingt (URLs sterben). Ein Buch mit ISBN erfüllt alle drei. Ein Sci-Hub-Link ist auffindbar und überprüfbar, aber nicht stabil (die Domain wechselt regelmässig) — und deshalb kein sauberer Beleg im Literaturverzeichnis.
Faustregel: Wenn deine Quelle in fünf Jahren mit den Angaben in deinem Literaturverzeichnis noch auffindbar ist, ist sie zitierfähig. DOI, ISBN und stabile Repositorium-URLs (Zenodo, arXiv, Uni-Repositorien) sind das, was diese Stabilität liefert.
Open Access — Gold, Grün, Bronze, Diamond
Nicht alles, was gratis ist, ist Open Access. Der Begriff wird vier Farben unterschieden, und die haben Konsequenzen dafür, wie du zitierst.
- Gold Open Access. Vom Verlag beim Erscheinen freigegeben, meist unter CC-BY. Zitierbar wie jeder klassische Zeitschriftenartikel — DOI, Journal, Volume, Issue, Seiten.
- Grüner Open Access. Postprint im Universitätsrepositorium oder auf einer persönlichen Seite. Zitierbar — aber gib die DOI der VoR an, nicht die Repositoriums-URL, sonst wirkt die Referenz zweitklassig.
- Bronze Open Access. Vom Verlag freigegeben, aber ohne klare Lizenz — kann jederzeit hinter die Paywall wandern. Zitierbar, mit dem Risiko, dass der Link stirbt.
- Diamond Open Access. Frei zugänglich ohne APC — das Journal wird institutionell finanziert. Aus Sicht der Zitierbarkeit identisch zu Gold.
Für deine Arbeit ist die Farbe zweitrangig. Was zählt: gibt es eine DOI, ist das Journal gelistet (DOAJ, JCR), und ist die Version, die du in Händen hast, die publizierte Fassung? Wenn ja, kannst du zitieren.
Paywall-Quellen — und wie du sie legal aufbekommst
Ein Paper hinter Paywall zu zitieren ist nichts Schlimmes — im Gegenteil, das sind meistens die Standardreferenzen deines Fachs. Die eigentliche Frage ist: wie kommst du legal an das PDF?
- Universitätsbibliothek + VPN. Der schnellste Weg. Fast alle deutschsprachigen Unis haben Bundles mit Elsevier, Springer, Wiley — VPN an, DOI in Google Scholar eingeben, Volltext klickbar.
- Fernleihe / Subito. Wenn deine Uni die Zeitschrift nicht abonniert, bestellst du das Paper über die Fernleihe. Dauer: 1 bis 7 Tage, Kosten meist 3 bis 8 Franken.
- Autor:innen anschreiben. Eine E-Mail mit Betreff “Reprint request: [Titel]” bekommt in etwa 60% der Fälle innerhalb einer Woche eine Antwort mit PDF. Autor:innen dürfen das Manuskript zu wissenschaftlichen Zwecken versenden.
- Unpaywall. Browser-Extension, die für jede DOI prüft, ob es eine legale Open-Access-Version gibt (grüner Weg im Repositorium). Deckt geschätzte 30 bis 50% aller paywalled Papers ab.
Was du nicht tun solltest: die Sci-Hub-URL ins Literaturverzeichnis schreiben. Das ist keine zitierfähige URL, und wenn eine Zitatprüfung deine Referenzen abklopft, fällt es auf.
Preprints richtig zitieren
Preprints sind in Feldern wie Machine Learning, Physik, Biomedizin inzwischen Standard — die publizierte Version kommt oft 6 bis 12 Monate später. Zwei Regeln:
- Markiere Preprints als solche. In APA 7 gehört
[Preprint]in eckigen Klammern hinter den Titel, plus die DOI des Preprint-Servers (arXiv, bioRxiv haben eigene DOI-ähnliche Kennungen). - Wechsle zur VoR, sobald sie erscheint. Vor der Abgabe deiner Arbeit: alle Preprint-Referenzen nochmal durch Google Scholar jagen. Wenn inzwischen die publizierte Version existiert, ersetze DOI, Journal, Seiten. Deine Aussagen bleiben in 95% der Fälle gleich — aber deine Zitate sind aktuell.
Vermeide: eine Preprint-URL zitieren, ohne “Preprint” zu markieren. Prüfende sehen den arXiv-Link und wissen sofort, dass du nicht die begutachtete Version geprüft hast.
Wenn Open Access und Paywall dieselbe Studie betreffen
Passiert häufiger, als man denkt: Autor:innen legen den Preprint auf arXiv, zeitgleich läuft die Peer-Review-Version durch, und ein Jahr später erscheint die VoR bei Nature. Alle drei Fassungen können leicht unterschiedliche Zahlen enthalten, weil Reviewer:innen Änderungen erzwungen haben. Die Regel ist unbequem, aber eindeutig: Zitiere die Version, die du gelesen hast. Wenn du im Text von “0.42” sprichst und die VoR mittlerweile “0.47” zeigt, ist deine Aussage falsch — nicht deine Quelle.
Praktisch heisst das: kurz vor Abgabe jede zentrale Quelle noch einmal ansehen, ob es eine neuere Version gibt, und die Zahlen abgleichen. Ein Zitatprüf-Tool wie Acurio verifiziert für dich, ob die Aussagen in deinem Text mit den Aussagen in den PDFs übereinstimmen — und schlägt Alarm, wenn eine Zahl abweicht.
Predatory Publishers — die Kehrseite von Gold OA
Nicht jede Open-Access-Zeitschrift ist seriös. Predatory Publishers verkaufen Publikationsplätze ohne echten Peer Review, kassieren die APC und produzieren Papers, die nichts geprüft haben. Für dich als zitierende Person ist die Gefahr doppelt: du zitierst eine unbelegte Behauptung als wissenschaftlichen Fakt, und deine Arbeit verliert Glaubwürdigkeit.
Drei-Sekunden-Test vor jeder OA-Zitation:
- DOAJ-Eintrag? Das Directory of Open Access Journals listet nur Zeitschriften mit belegbarem Peer Review.
- Wer ist im Editorial Board? Google zwei Namen. Existieren die Personen? Sind sie am angegebenen Institut?
- Journal Impact Factor / Scimago Quartil? Nicht alles, aber ein starkes Signal.
Fehlt DOAJ und Editorial Board wirkt zusammengewürfelt, suche nach einer alternativen Quelle für dieselbe Aussage — oder streiche die Referenz.
Kurzfassung: welche Version zitieren?
Wenn du dich zwischen mehreren Fassungen entscheiden musst, hilft diese Rangfolge:
- Version of Record mit DOI, unabhängig davon, ob Paywall oder Gold OA.
- Grüner Open-Access-Postprint im Repositorium, aber referenziert mit VoR-DOI.
- Preprint mit DOI, klar als Preprint markiert.
- Alles andere (ResearchGate-Kopie ohne Version, Sci-Hub-Link, Autorenhomepage): nur zitieren, wenn keine andere Fassung existiert, und mit Vermerk.
Wenn du beim Übergang von “Recherche” zu “Schreiben” schon konsequent die DOI der VoR erfasst und nicht die zufällige URL, an der du das PDF gefunden hast, sparst du dir kurz vor Abgabe stundenlanges Nachziehen. Zotero macht das automatisch, wenn du “Metadaten von DOI/ISBN abrufen” nutzt statt “Webseite speichern”.