Wer eine Bachelor- oder Masterarbeit ernsthaft betreibt, beginnt selten in Google. Die drei grossen Recherche-Datenbanken — Web of Science, Scopus und Google Scholar — entscheiden mit darüber, welche Quellen du überhaupt findest, wie sauber dein Literaturüberblick wird und wie hoch der Anteil an Müll in deinem Zotero-Ordner ist. Dieser Vergleich zeigt dir, wann welche Datenbank wirklich besser ist und wie du die drei sinnvoll kombinierst.
Die drei Grossen auf einen Blick
| Datenbank | Anbieter | Zugang | Stärke | Disziplin-Fokus |
|---|---|---|---|---|
| Web of Science | Clarivate | Lizenz (Uni) | Hochkuratiert, JCR & JIF | STEM, klassisch |
| Scopus | Elsevier | Lizenz (Uni) | Breiteste Abdeckung | STEM + Sozialwiss. |
| Google Scholar | Frei | Volltext-Indexierung | Alles, inkl. grauer Literatur |
Web of Science und Scopus sind selektive, kuratierte Datenbanken — eine Zeitschrift kommt nur rein, wenn sie definierte Qualitätskriterien erfüllt. Google Scholar ist eine Suchmaschine über praktisch alles, was im Web nach wissenschaftlicher Arbeit aussieht: Journals, Preprints, Repositorien, Konferenzbände, Dissertationen, Patente, manchmal auch Blogeinträge. Diese drei Modelle entscheiden, wo du was findest.
Web of Science — die strenge Bibliothek
Die Web of Science Core Collection ist die älteste der drei, läuft seit den 1960er-Jahren und ist die Quelle für den Journal Impact Factor (JIF) und die Journal Citation Reports. Wenn deine Lehrstuhl-Vorgaben “nur peer-reviewed, in Web of Science indexiert” sagen — das ist der Grund.
Stärken
- Sehr strenge Aufnahmekriterien. Eine Zeitschrift muss regelmässig erscheinen, peer-reviewed sein, ein internationales Autor:innen-Profil haben.
- Zitationsanalyse erster Klasse: Cited Reference Search, Times Cited, Hirsch-Index für Autor:innen.
- Stabile, langjährige Backfiles — gut für historische bibliometrische Auswertungen.
- Eindeutige Autoren-IDs (ResearcherID, mittlerweile ORCID-verknüpft).
Schwächen
- Eher anglophon und STEM-lastig. Geistes- und Sozialwissenschaften, vor allem nicht-englische, sind unterrepräsentiert.
- Streng heisst auch: Du findest hier wenig graue Literatur, keine Preprints, kaum Konferenzbeiträge ausserhalb der grossen Reihen.
- Lizenzpflichtig — ohne Uni-Zugang siehst du nur Titel und Abstracts.
Wann du es nimmst: Naturwissenschaften, Medizin, Technik, Wirtschaftswissenschaften mit quantitativem Fokus. Immer dann, wenn du einen sauberen, klar zitierfähigen Trefferraum brauchst und die Zitationszahlen für deine Argumentation eine Rolle spielen.
Scopus — der breiteste Index
Scopus ist Elsevier’s Antwort auf Web of Science und seit 2004 am Start. Es indexiert mehr Zeitschriften als Web of Science (über 27 000 vs. ~22 000), ist breiter aufgestellt, und seine Aufnahmekriterien sind etwas durchlässiger — wobei die Qualitätsschwelle immer noch deutlich höher liegt als bei Google Scholar.
Stärken
- Grösste kuratierte Abdeckung, auch in Sozial- und Geisteswissenschaften besser als Web of Science.
- Gute Filter (Subject Area, Dokumenttyp, Sprache, Land).
- SJR (SCImago Journal Rank) und CiteScore als Qualitätsmetriken — Alternative zum JIF.
- Author Profiles mit Scopus-ID, Affiliation-Geschichte und h-Index.
- Solide API für systematische Reviews.
Schwächen
- Auch lizenzpflichtig.
- Weniger tiefe Backfiles als Web of Science — vor 1996 ist die Abdeckung schwächer.
- Bei kleinen oder neuen Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum kann es Lücken geben.
Wann du es nimmst: Wenn du ein breites Themenfeld systematisch abdecken willst, vor allem in den Sozialwissenschaften, Public Health, Erziehungswissenschaft oder Pflege. Auch erste Wahl für systematische Literaturreviews.
Google Scholar — die freie Volltext-Maschine
Google Scholar ist seit 2004 verfügbar, kostenlos, und indexiert alles, was Googles Crawler als wissenschaftlich erkennt. Das ist ein riesiger Pool — aber eben auch ungefiltert.
Stärken
- Maximale Reichweite: Du findest hier Dinge, die in Scopus und Web of Science nie auftauchen — graue Literatur, Preprints (arXiv, SSRN, bioRxiv), Working Papers, Dissertationen, Reports von NGOs und Behörden.
- Voll-Text-Suche, nicht nur Titel/Abstract — manchmal findet Scholar einen Treffer, weil dein Suchbegriff auf Seite 47 der PDF auftaucht.
- “Cited by” funktioniert ähnlich wie Web of Science, mit weniger Tiefe, aber breiterer Basis.
- Kein Login nötig, von überall erreichbar.
Schwächen
- Keine Qualitätskontrolle. Predatory Journals, abgeschriebene Hausarbeiten, alte Vorlesungs-PDFs — alles taucht im Ergebnisraum auf.
- Ranking-Algorithmus ist intransparent und nicht reproduzierbar. Heute findest du ein Paper auf Platz 3, morgen auf Platz 27.
- Suchsyntax viel schwächer als bei Web of Science oder Scopus. Boolesche Operatoren funktionieren, aber Filter wie “nur Reviews”, “nur seit 2020”, “nur deutsch” sind unscharf.
- Zitationszahlen werden ausgewiesen, aber sind doppelt gezählt oder geschätzt — nicht zitierfähig in Methodikteilen.
Wann du es nimmst: Für schnelle Exploration, wenn du noch nicht weisst, wie ein Feld sich nennt. Für graue Literatur (Berichte, Working Papers, Dissertationen). Für Volltext-Treffer, wenn du ein konkretes Zitat suchst, dessen Quelle du verloren hast. Für freie Vorab-Versionen (Preprints auf arXiv) eines Artikels, dessen Verlagsversion hinter Paywall liegt.
Such-Strategie: die drei kombinieren
In der Praxis nutzt du nicht eine, sondern alle drei nacheinander. Eine sinnvolle Reihenfolge für eine Bachelorarbeit:
- Sondierung in Google Scholar. Tippe dein Thema in normalen Worten ein, schau dir die ersten zwei Seiten an, notiere dir wiederkehrende Begriffe, Autor:innen-Namen, Schlüsselzeitschriften.
- Vokabular schärfen. In Scopus oder Web of Science suchst du mit den nun bekannten Schlagwörtern (in Scopus heisst das “Author Keywords” und “Indexed Keywords”). Die Treffer sind höherwertig.
- Schneeball. Aus den fünf besten Treffern: Lies die Referenzen (“Cited References” in Web of Science, “References” in Scopus). Wer wird wo zitiert?
- Cited-by-Kette. Umgekehrt: Wer hat diese Schlüsselartikel später zitiert? Das findet aktuellere Folgearbeiten.
- Lücken füllen mit Scholar. Wenn dir am Ende Dissertationen, Berichte oder graue Literatur fehlen, geh zurück zu Scholar.
Diese Choreografie spart dich vor dem typischen Fehler: Tagelang in Google Scholar wühlen, fünfzehn mittelmässige Treffer sammeln, und am Ende doch keinen Überblick haben.
Zugang über die Uni: Shibboleth, VPN, EZproxy
Web of Science und Scopus kosten Geld — viel Geld. Wenn deine Uni eine Lizenz hat (was bei jeder Hochschule mit Forschungsbetrieb der Fall ist), nutze sie korrekt:
- Auf dem Campus mit Uni-WLAN bekommst du den Zugang direkt.
- Von zu Hause über VPN (z. B. Cisco AnyConnect) oder Shibboleth / SWITCH edu-ID (in der Schweiz). Beim ersten Login wählst du deine Heim-Uni aus.
- EZproxy ist eine ältere Variante, bei der ein URL-Präfix vor die Datenbankadresse gesetzt wird — meist hat die Unibibliothek dafür einen Bookmarklet-Generator.
Mit korrektem Zugang siehst du nicht nur Abstracts, sondern auch Volltexte über die “Open URL”-Verknüpfung deiner Bibliothek. Wenn das nicht funktioniert: Fernleihe bestellen, ist meist innerhalb von drei Tagen da.
Disziplin-spezifische Datenbanken
Die drei Grossen sind generalistisch. Für viele Disziplinen gibt es bessere Fachdatenbanken:
- Medizin, Pflege: PubMed / MEDLINE (frei zugänglich), CINAHL, Cochrane Library für systematische Reviews.
- Psychologie: PsycINFO (APA), PSYNDEX (deutschsprachig).
- Wirtschaft: EconLit, Business Source Premier, RePEc.
- Rechtswissenschaft: Beck-online, Juris, Westlaw, HeinOnline.
- Ingenieurwesen / Informatik: IEEE Xplore, ACM Digital Library, INSPEC.
- Geisteswissenschaften: JSTOR, MLA International Bibliography, Project Muse.
- Erziehungswissenschaft: ERIC, FIS Bildung.
- Naturwissenschaften: SciFinder (Chemie), Web of Science Core Collection.
In der Methodik einer systematischen Literaturarbeit gehört eine ehrliche Auflistung deiner durchsuchten Datenbanken hinein. “Ich habe nur Google Scholar genutzt” ist methodisch angreifbar.
Qualitätsfilter, die du immer setzen solltest
Egal in welcher Datenbank du landest — bevor du Ergebnisse sichtest, setze diese Filter:
- Peer-reviewed only (in Scopus: “Source type” → Journals; in Web of Science automatisch).
- Sprache (für deutsche Arbeiten oft
English OR German). - Zeitraum: meist letzte 10–15 Jahre, plus die Klassiker des Feldes davor.
- Dokumenttyp: Article + Review, keine Editorials, keine Letters (es sei denn, das ist dein Feld).
- Open Access, wenn du Volltext-Zugriff brauchst und kein Lizenz-Zugang da ist.
In Google Scholar fehlen diese Filter weitgehend — eine weitere Begründung, Scholar nur für die Sondierung zu verwenden.
Von der Trefferliste in dein Zotero
Alle drei Datenbanken unterstützen direkten Export in Literaturverwaltungen. Klick in Scopus auf “Export → RIS” oder “Add to Mendeley/Zotero”, in Web of Science auf “Export → Plain Text File / EndNote / RIS”, in Google Scholar auf das kleine Anführungszeichen-Symbol unter jedem Treffer → “BibTeX” oder “RIS”.
Eine Browser-Erweiterung (Zotero Connector, EndNote Capture) erkennt die meisten Trefferlisten automatisch und importiert mit einem Klick. Pflege gleich beim Import zwei Felder: einen Tag fürs Thema und einen Tag fürs Stadium (“gelesen”, “Volltext”, “in Arbeit”). Das spart dir später die Sucherei.
Trefferqualität ist nur die halbe Miete
Eine sauber recherchierte Quelle ist nur die Grundlage. Was im fertigen Text steht — die Behauptung, die du an einer bestimmten Stelle einer Quelle festmachst — muss auch tatsächlich dort stehen. Genau hier passieren in Abschlussarbeiten die häufigsten Fehler: Die Quelle ist seriös, die Zitierweise korrekt, aber die zugeschriebene Aussage steht so nicht im Original.
Hier setzt Acurio an: Du lädst deine Arbeit hoch und die zugehörigen PDFs aus deinem Zotero, und Acurio prüft Beleg für Beleg, ob die Aussage in der Quelle tatsächlich vorkommt — inkl. Seitenangabe. Web of Science und Scopus sagen dir, was zitierfähig ist. Acurio sagt dir, ob deine Zitate stimmen.
Kurz-Checkliste vor der ersten Recherche-Session
- Welche Datenbanken hat meine Uni lizensiert? (Bibliothekswebsite oder Auskunftstheke.)
- Habe ich VPN / Shibboleth eingerichtet?
- Welche Fachdatenbank ist für mein Thema die richtige?
- Habe ich Zotero Connector im Browser installiert?
- Halte ich meine Suchstrings in einer Tabelle fest (für die Methodik im Reviewteil)?
Damit fängst du die nächste Recherche an, ohne dich in der ersten Google-Scholar-Seite zu verlieren — und mit einem klaren Bild, welche Datenbank dir an welchem Punkt am meisten bringt.