Preprints sind in der Wissenschaft seit COVID Mainstream. Wer 2026 zu einem aktuellen Thema recherchiert — in Medizin, Wirtschaft, Informatik, Psychologie — landet bei Google Scholar reihenweise auf arXiv-, bioRxiv- oder SSRN-Treffern. Manche dieser Studien werden später in Nature publiziert, andere verschwinden still. Für Bachelor- und Masterarbeiten heisst das: Du musst entscheiden, ob du eine ungeprüfte Vorabversion zitieren willst, und wenn ja, wie genau. Diese Anleitung sortiert das.
Was ein Preprint ist — und was nicht
Ein Preprint ist die Manuskriptversion eines Forschungsartikels, die die Autor:innen auf einem öffentlichen Server hochladen, bevor das Manuskript ein Peer Review bei einer Fachzeitschrift durchlaufen hat. Es ist also die Rohfassung, mit DOI und Zitierbarkeit, aber ohne externe Qualitätskontrolle.
Wichtige Abgrenzungen:
- Ein Preprint ist kein “Working Paper” eines Lehrstuhls (das ist ähnlich, aber meist nicht auf einem zentralen Server).
- Es ist nicht der “Author Accepted Manuscript” (AAM), den Verlage nach Peer Review erlauben — das ist eine Postprint-Version.
- Es ist kein Predatory-Journal-Artikel. Predatory Journals tun so, als hätten sie ein Peer Review. Preprint-Server tun das ausdrücklich nicht.
Die wichtigsten Preprint-Server
Du wirst je nach Fach auf unterschiedliche Server stossen. Die fünf grossen:
| Server | Fach | Betrieber |
|---|---|---|
| arXiv | Physik, Mathematik, Informatik, Quant. Biologie | Cornell University |
| bioRxiv | Biologie, Lebenswissenschaften | Cold Spring Harbor Lab |
| medRxiv | Medizin, Public Health | Cold Spring Harbor / BMJ / Yale |
| SSRN | Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften | Elsevier |
| ResearchSquare | Multidisziplinär (oft Springer-Nature-Pipeline) | Research Square Company |
Daneben gibt es PsyArXiv (Psychologie), ChemRxiv (Chemie), EarthArXiv und einige fachspezifische Plattformen. Alle vergeben DOIs, alle haben Versionsnummern (v1, v2 …), und alle markieren prominent: “This article is a preprint and has not been peer-reviewed.”
Darfst du Preprints überhaupt zitieren?
Erste Regel: Frag deinen Lehrstuhl. Manche Fakultäten verbieten Preprints in Abschlussarbeiten generell, andere erlauben sie, wenn du sie als solche kennzeichnest. Das steht selten im Leitfaden, aber regelmässig in der Bewertungspraxis der Prüfenden.
Wenn die Vorgabe fehlt, gilt als Faustregel: Preprints sind als Quelle in Ordnung, wenn (a) keine peer-reviewte Version existiert, (b) du sie als Preprint kennzeichnest und (c) die Aussage, die du belegst, eher den Forschungsstand abbildet als eine etablierte Tatsache.
Konkret tauglich für Preprints:
- Aktuelle methodische Entwicklungen, die noch nicht in Zeitschriften angekommen sind (typisch in ML/AI).
- Daten aus laufenden Krisen oder schnellen Forschungsfeldern.
- Konferenzbeiträge, die als Preprint geteilt werden, bevor sie im Proceedings erscheinen.
Heikel bis ungeeignet:
- Kernaussagen deiner Arbeit, auf denen der Argumentationsgang ruht.
- Klinische Empfehlungen oder Aussagen über Wirksamkeit (medRxiv hat eigene Warnhinweise dazu).
- Quellen, bei denen du die Methodik selbst nicht beurteilen kannst.
Vor dem Zitieren: prüfen, ob es längst publiziert ist
Der häufigste Anfängerfehler: ein Preprint von 2023 zitieren, obwohl die finale Version 2024 in einer Fachzeitschrift erschienen ist. Du verlierst die peer-reviewte Quelle und zitierst die schwächere Version.
So findest du die finale Version:
- Auf der Preprint-Seite nach “Published in” suchen. arXiv, bioRxiv und medRxiv verlinken die finale Version automatisch, sobald sie erscheint.
- DOI in Google Scholar suchen. Scholar fasst Preprint- und Zeitschriftenversion meist zusammen.
- Titel in Crossref oder bei Semantic Scholar prüfen. Crossref zeigt dir die gesamte DOI-Historie.
Wenn eine peer-reviewte Version existiert, zitierst du diese — nicht den Preprint. Punkt.
Versionsfalle: v1, v2, v3
Preprints werden überarbeitet. arXiv v1 von 2024 kann sich von v3 von 2026 substantiell unterscheiden — andere Daten, andere Schlussfolgerungen, manchmal andere Autor:innen. Wenn du den Preprint zitierst, musst du die genaue Version benennen, sonst zitierst du etwas, das so nicht mehr existiert.
In APA 7 erfolgt das über das Versionsdatum:
Müller, A., & Weber, T. (2024). Skalierung von Sprachmodellen auf eingebetteten Geräten (Version 2) [Preprint]. arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.2401.12345
Wenn du mit Zotero arbeitest: Beim Import aus arXiv/bioRxiv landet das Versionsdatum oft nicht automatisch im Feld “Datum”. Trag es manuell nach.
Korrekt zitieren in den vier wichtigsten Stilen
Beispielarbeit: ein bioRxiv-Preprint von 2025, Autorin Smith, Titel “Gut microbiome dynamics under intermittent fasting”, DOI 10.1101/2025.03.15.123456.
APA 7
Smith, J. (2025). Gut microbiome dynamics under intermittent fasting [Preprint]. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2025.03.15.123456
Das [Preprint] in eckigen Klammern ist die offizielle APA-7-Kennzeichnung für ungeprüfte Vorabversionen. Im Fliesstext: (Smith, 2025).
Harvard
Smith, J. (2025) Gut microbiome dynamics under intermittent fasting. bioRxiv [Preprint]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1101/2025.03.15.123456 (Abgerufen: 29. Juni 2026).
Das Abrufdatum ist in Harvard für Online-Quellen Standard und bei Preprints besonders sinnvoll, weil sich Versionen ändern.
Chicago (Author-Date)
Smith, Jane. 2025. “Gut Microbiome Dynamics under Intermittent Fasting.” Preprint, submitted March 15. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2025.03.15.123456.
Im Text: (Smith 2025).
MLA 9
Smith, Jane. “Gut Microbiome Dynamics under Intermittent Fasting.” bioRxiv, 15 Mar. 2025, https://doi.org/10.1101/2025.03.15.123456. Preprint.
Das nachgestellte “Preprint.” ist eine optionale, in MLA 9 ausdrücklich vorgesehene Quellenangabe.
In allen vier Stilen ist die Kennzeichnung als Preprint Pflicht. Wenn dein Stilreferenz-PDF dazu schweigt, nimm die obigen Beispiele als Vorlage — kein:e Prüfende:r wird das beanstanden.
DOI immer aus dem Preprint-Server, nie aus der Suchmaschine
DOIs, die du auf Google Scholar oder ResearchGate siehst, können auf eine kommerzielle Spiegelung verweisen, nicht auf das Original. Hol dir die DOI immer direkt vom Preprint-Server (arxiv.org, biorxiv.org etc.). Sie beginnt bei arXiv mit 10.48550/arXiv., bei bioRxiv und medRxiv mit 10.1101/, bei SSRN mit 10.2139/ssrn..
Zurückgezogene und widersprochene Preprints
Anders als bei Zeitschriftenartikeln, bei denen ein Retraction Watch greift, werden Preprints meist “withdrawn” oder mit einem Warnbanner versehen. Während COVID gab es prominente Fälle (Hydroxychloroquin-Studien auf medRxiv), die Tausende Male zitiert wurden, bevor sie zurückgezogen wurden.
Vor dem Zitieren: Geh auf die Preprint-Seite und prüf, ob oben ein Banner steht (“Withdrawn”, “Cited concern”, “Replaced by”). Wenn ja: nicht zitieren, ausser du diskutierst genau diesen Fall.
Checkliste vor der Abgabe
- Gibt es eine peer-reviewte Version? → Diese zitieren, nicht den Preprint.
- Ist der Preprint als solcher in deinem Literaturverzeichnis markiert (
[Preprint]o. Ä.)? - Steht die Versionsnummer im Zitat, wenn du eine spezifische Version meinst?
- DOI direkt vom Server, nicht von einer Spiegelung?
- Kein Withdrawal-Banner auf der Preprint-Seite?
- Erlaubt deine Hochschule Preprints überhaupt? (Notfalls eine Mail wert.)
Ein Preprint sagt dir, was geforscht wird — nicht, was gesichert ist
Der Wert von Preprints liegt in der Geschwindigkeit. Sie zeigen dir, woran gerade gearbeitet wird, bevor das Verlagsverfahren die Sache 12–18 Monate verzögert. Der Preis dafür ist die fehlende externe Prüfung. Wenn du das in deinem Argumentationsgang transparent machst — “ein noch nicht peer-reviewter Preprint zeigt …” — bist du auf der sicheren Seite.
Was ein Preprint ebenso wenig garantiert wie ein Journalartikel: dass die Aussage, die du der Quelle zuschreibst, dort wirklich so steht. Acurio liest die Preprint-PDF, die du hochlädst, und vergleicht jeden Beleg in deiner Arbeit mit der Stelle, auf die du verweist. Stimmt die Behauptung mit der Quelle überein? Ist die Seitenzahl korrekt? Genau die inhaltliche Prüfung, die Peer Review nicht ersetzt, wenn du den Preprint zitierst.
Preprints sind ein scharfes Werkzeug: schnell, aktuell, frei zugänglich — und ungeprüft. Wenn du sie sorgsam kennzeichnest, die finale Version vorziehst, wenn es eine gibt, und die Versionsnummer mitführst, sind sie in deiner Bachelor- oder Masterarbeit kein Problem. Wer sie dagegen wie reguläre Journalartikel behandelt, fällt damit auf.