Beim Text genügt ein sauberes Zitat mit Beleg. Bei einer übernommenen Grafik nicht. Wer Bilder zitieren oder Tabellen zitieren will, hat zwei Rechtsfragen gleichzeitig: das Zitatrecht und das Urheberrecht am Bild. Dazu formale Regeln für Caption, Nummerierung und Verzeichnis, die in den meisten Leitfäden untergehen.
Warum Abbildungen und Tabellen ein eigenes Thema sind
Beim Text reicht das Zitatrecht (§ 51 UrhG in Deutschland, Art. 25 URG in der Schweiz). Bei Bildern ist das anders. Eine Abbildung ist meist ein eigenständiges Werk mit eigenen Bildrechten — der Hinweis “Quelle: Müller 2023” rettet dich rechtlich nicht automatisch. Es braucht ein echtes Bildzitat: du setzt dich mit der Abbildung argumentativ auseinander, nicht als Dekoration.
Praktisch: solange die Arbeit für Prüfungszwecke an deiner Hochschule eingereicht wird (§ 60a UrhG / Wissenschaftsschranke), bist du sicher, wenn Quelle, Caption und Verzeichnis stimmen. Bei Veröffentlichung ausserhalb der Hochschule brauchst du gegebenenfalls eine Genehmigung.
Die drei Fälle, die du unterscheiden musst
1. Eigene Abbildung oder Tabelle
Du hast die Grafik selbst gebaut — in Excel, PowerPoint, Illustrator, R, Python. Caption:
Abb. 1: Konjunkturverlauf 2010–2024 (eigene Darstellung).
Wenn die Daten aus einer Quelle stammen, das ergänzen:
Abb. 2: Konjunkturverlauf 2010–2024 (eigene Darstellung, Daten aus Müller 2023, S. 14).
Quelle in diesem Fall ins Quellenverzeichnis, weil du fremde Daten verwendet hast. Die Grafik selbst ist deine.
2. Übernommene Abbildung
Du übernimmst eine Grafik 1:1 aus einem Paper oder Buch. Das ist nur zulässig, wenn du dich im Text explizit mit dieser Abbildung auseinandersetzt — nicht als Schmuckbild, nicht zur Auflockerung. Caption:
Abb. 3: Konjunkturzyklus nach Müller (Müller 2023, S. 12).
Die Quelle muss zwingend ins Quellenverzeichnis. Wenn du im Fliesstext nicht mindestens einen Satz darauf eingehst (“Wie Müller (2023, S. 12) zeigt …”), fehlt der Werkbezug — dann ist es kein Bildzitat mehr, sondern unerlaubte Übernahme.
3. Modifizierte Abbildung
Du nimmst eine fremde Grafik als Vorlage, baust sie aber neu (Farben anders, Achsen ergänzt, Daten erweitert). Caption:
Abb. 4: Konjunkturzyklus (eigene Darstellung in Anlehnung an Müller 2023, S. 12).
Wichtig: die Bearbeitung muss erkennbar sein. Ein 1:1-Nachbau mit nur leicht veränderter Schriftart zählt nicht als “Anlehnung”, sondern als Übernahme.
Captions richtig schreiben
Ein paar Konventionen, die für alle Stile (APA, Harvard, DGPs, Chicago) gleich oder ähnlich gelten:
- Abbildung: Beschriftung unterhalb der Grafik. Format:
Abb. X: Titel (Quelle). - Tabelle: Beschriftung oberhalb der Tabelle. Format:
Tab. X: Titel (Quelle). - Nummerierung läuft pro Typ getrennt: Abb. 1, Abb. 2, Abb. 3 und Tab. 1, Tab. 2 — nicht durchmischen.
- Konsistent bleiben: entweder überall “Abb.” oder überall “Abbildung”, nicht wechseln.
Fünf Beispiel-Captions
Abb. 1: BIP-Wachstum Schweiz 2014–2024 in Prozent (eigene Darstellung, Daten aus BFS 2024).
Abb. 2: Vier-Phasen-Modell des Konjunkturzyklus (Mankiw 2021, S. 487).
Abb. 3: Verteilung der Studienabbrüche nach Fachgruppe (eigene Darstellung in Anlehnung an Heublein et al. 2022, S. 23).
Tab. 1: Übersicht qualitativer Forschungsmethoden (eigene Darstellung).
Tab. 2: Kennzahlen der Stichprobe, Erhebung 2025 (eigene Darstellung, n = 142).
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Ab etwa drei bis fünf Abbildungen lohnt sich ein eigenes Verzeichnis — und viele Studienordnungen verlangen es ab dieser Schwelle ohnehin. In Word: Referenzen → Beschriftung einfügen für jede Abbildung, danach Referenzen → Abbildungsverzeichnis einfügen. Word generiert dir das Verzeichnis automatisch aus den Captions. Dasselbe nochmal für Tabellen.
Position im Dokument: nach dem Inhaltsverzeichnis, vor dem Abkürzungsverzeichnis. Format: Abb. X — Titel — Seite.
Spezialfälle
Foto aus dem Internet. Lizenz zwingend prüfen. Bei Creative Commons besteht Attribution-Pflicht: Urheber, Lizenz, Quelle. Beispiel: Abb. 5: Universitätsbibliothek Basel (Foto: J. Beyeler, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons). Bei “Alle Rechte vorbehalten”: nicht verwenden.
Diagramm aus einem PDF oder Paper. Liegt fast immer beim Verlag. In der studentischen Arbeit für Prüfungszweck zulässig (Wissenschaftsschranke), aber Quelle und Werkbezug sind Pflicht. Für eine Veröffentlichung brauchst du eine Genehmigung des Rechteinhabers.
KI-generiertes Bild. Pflicht-Hinweis in der Caption. Beispiel: Abb. 6: Visualisierung des Modells (eigene Darstellung, erzeugt mit Midjourney 6.1, 2026-03-14). Ergänzend in der eidesstattlichen Erklärung deklarieren.
Screenshot von Software oder Website. Mit Versionsangabe und Datum: Abb. 7: Zotero-Bibliothek mit Annotationen (Screenshot Zotero 6.0.30, eigene Aufnahme, 2026-04-12).
Tabelle aus einer Quelle. Wörtlich übernommen = wörtliches Zitat einer Tabelle. Eigene Aufbereitung derselben Daten = “Daten aus …”.
Bildtyp, Caption und Quellenverzeichnis im Überblick
| Bildtyp | Caption-Form | Eintrag im Quellenverzeichnis? |
|---|---|---|
| Eigene Abbildung, eigene Daten | ”Abb. X: Titel (eigene Darstellung).” | Nein |
| Eigene Abbildung, fremde Daten | ”Abb. X: Titel (eigene Darstellung, Daten aus Müller 2023, S. 14).” | Ja (Müller 2023) |
| Übernommene Abbildung | ”Abb. X: Titel (Müller 2023, S. 12).” | Ja |
| Modifizierte Abbildung | ”Abb. X: Titel (eigene Darstellung in Anlehnung an Müller 2023, S. 12).” | Ja |
| Foto mit CC-Lizenz | ”Abb. X: Titel (Urheber, Lizenz, Plattform).” | Ja (oder im Abbildungsverzeichnis mit Lizenz) |
| KI-generiertes Bild | ”Abb. X: Titel (eigene Darstellung, erzeugt mit Tool, Datum).” | Nein (Tool aber in eidesstattlicher Erklärung) |
| Screenshot Software | ”Abb. X: Titel (Screenshot Tool Version, eigene Aufnahme Datum).” | Tool im Quellenverzeichnis optional |
Der Eintrag im Quellenverzeichnis ist derselbe wie bei einer Textquelle desselben Werks — nicht mehr, nicht weniger. Wer ein getrenntes Abbildungsverzeichnis führt, kann dort zusätzlich die Lizenzdetails ergänzen.
Häufige Fehler
- Bild ohne Quelle. Klassiker bei aus dem Internet kopierten Grafiken. Selbst wenn die Datei “frei wirkt”, braucht es eine Quelle.
- Caption ohne “Abb. X:”. Macht das automatische Verzeichnis kaputt und wirkt unprofessionell.
- Foto mit Personen ohne Recht am eigenen Bild. Auch bei freier Lizenz: erkennbare Personen haben Persönlichkeitsrechte. Im Zweifel verpixeln oder weglassen.
- CC-Lizenz vergessen anzugeben. “via Wikimedia Commons” reicht nicht. Lizenztyp (CC BY 4.0, CC BY-SA 3.0 …) gehört zur Caption.
- Schmuckbilder. Ein generisches Stock-Foto einer Bibliothek im Methodenkapitel ist kein Bildzitat, sondern dekoratives Beiwerk — und damit lizenzpflichtig.
- Tabelle übernommen, Quelle nur im Fliesstext. Quelle gehört direkt in die Caption der Tabelle, nicht zwei Absätze weiter oben.
Acurio prüft auch Captions
Wenn du eine Tabelle mit Daten aus Müller 2023, S. 14 anführst — stehen diese Zahlen wirklich so auf Seite 14? Acurio liest auch die Captions deiner Abbildungen und Tabellen mit, vergleicht Datenstand und Seitenangabe gegen die Originalquelle und meldet Abweichungen pro Caption zurück. Genau die Fehlerkategorie, die Plagiatsprüfer komplett ignorieren — und Lehrstühle inzwischen genau prüfen.
Disclaimer
Dieser Beitrag ist eine praktische Orientierung für studentische Arbeiten an deutschsprachigen Hochschulen, kein Anwaltsersatz. Sobald du eine Arbeit ausserhalb des Hochschulkontexts veröffentlichst (Verlag, Blog, Open-Access-Repository, Konferenzband), prüfe Lizenz und Reproduktionsrechte für jede einzelne Abbildung gesondert.