# Schneeballmethode: Literatursuche rückwärts und vorwärts

> Schneeballmethode für die Abschlussarbeit: Rückwärts- und Vorwärtssuche, ein diverses Startset und eine nachvollziehbare Dokumentation, ohne Quellenquote und ohne feste Altersgrenze.

Acurio · 2026-10-08 · Literatursuche, Schneeballmethode, Bachelorarbeit

Die kurze Variante der Schneeballmethode kennst du: ein passender Artikel, zehn Titel aus dem Literaturverzeichnis, fertig. Für eine Hausarbeit reicht das manchmal. In einer längeren Arbeit bleibt dann oft unklar, wie die Literaturbasis entstanden ist, und die Verweise können in einer geschlossenen Gruppe hängen bleiben. Diese Anleitung zeigt die beiden Richtungen, ein Startset, das nicht nur eine Forschergruppe abbildet, und eine Dokumentation, die eine Betreuung nachlesen kann.

## Was die Schneeballmethode ist

Die **Schneeballmethode** (englisch *snowballing* oder *citation chasing*) startet bei einem oder mehreren Texten und geht über Zitate weiter. Der Name kommt vom Schneeball, der beim Rollen mehr Schnee aufnimmt: mit jeder Runde kommen weitere Texte dazu.

Claes Wohlin hat das Verfahren für systematische Literaturstudien in der Softwaretechnik ausformuliert ([Wohlin 2014](https://doi.org/10.1145/2601248.2601268)). Zwei Richtungen:

- **Rückwärts (*backward snowballing*).** Du gehst das Literaturverzeichnis durch und prüfst, welche dort genannten Texte zu deiner Frage gehören. Du bewegst dich zu älteren Arbeiten, auf denen der Startpunkt aufbaut.
- **Vorwärts (*forward snowballing*).** Du schaust, wer den Startpunkt zitiert hat. Wohlin nutzt dafür Google Scholar. Du bewegst dich zu späteren Arbeiten, die den Text aufgreifen, stützen oder ihm widersprechen.

Nur die Rückwärtsrichtung zu kennen ist die übliche Lücke. Texte, die nach dem Startpunkt erschienen sind, stehen nicht in seinem Literaturverzeichnis.

## Wann sie sich lohnt

Snowballing ist eine Suchstrategie, kein Ersatz fürs Lesen. Wohlin hält es bei systematischen Literaturstudien für eine mögliche erste Strategie, nachdem ein Startset steht. Für eine Bachelor- oder Masterarbeit ist der übertragbare Teil derselbe: ein begründetes Startset, beide Richtungen, ein Protokoll. Die Schlagwortsuche in einer Fachdatenbank bleibt der übliche Weg zum Startset. Einen Vergleich der Datenbanken gibt es unter [Web of Science, Scopus und PubMed](https://acurio.ch/blog/wissenschaftliche-datenbanken-vergleich).

Vier Situationen, in denen die Zitationssuche eine Schlagwortliste ergänzt:

- **Enges Thema.** Eine Schlagwortsuche kann eine lange Trefferliste liefern, von der nur wenige Texte die Frage wirklich treffen. Von diesen wenigen aus weiterzugehen bringt oft mehr als eine weitere Synonymkombination.
- **Verschiedene Fächer.** Wohlin weist darauf hin, dass unterschiedliche Communities dieselben Dinge anders benennen. Wer nur eine Terminologie sucht, verpasst die andere. Zitate folgen dem Verweis, nicht dem Schlagwort.
- **Ein Review als Startpunkt.** Ein Review hat das Feld schon gesichtet. Du übernimmst diese Liste nicht geschlossen, sondern legst deine eigenen Kriterien an.
- **Spätere Arbeiten.** Wenn du einen älteren Grundlagentext verwenden willst, zeigt die Vorwärtssuche, wer ihn danach zitiert hat. Ob der Text zurückgezogen wurde, ist eine eigene Prüfung: [Retraction-Check](https://acurio.ch/retraktion-pruefen).

Ist das Thema breit, reicht eine einzelne Zitationskette nicht. Dann suchst du das Startset zuerst über Schlagwörter, so wie Wohlin das in Google Scholar getan hat.

## Rückwärts: Schritt für Schritt

Rückwärts brauchst du das Literaturverzeichnis eines Textes, den du wirklich aufnehmen willst. Wohlin besteht darauf, die Aufnahme am Volltext zu entscheiden, bevor du von diesem Text aus weitersuchst. Sonst müsstest du später alles zurücknehmen, was an einem ausgeschlossenen Text hing.

### Startset wählen

Wohlin nennt Eigenschaften eines guten Startsets, keine feste Stückzahl. Die Grösse hängt davon ab, wie breit das Gebiet ist. Ein enges Thema braucht weniger Texte als ein weites. Das Set soll nicht zu klein sein und verschiedene Communities, Verlage, Jahre und Autor:innen abdecken. Sonst landest du in Clustern, die sich gegenseitig zitieren und die Nachbardebatte nicht erwähnen. Die Schlagwörter kommen aus der Frage, inklusive Synonymen. Ist die Suche zu grob, schlägt er vor, relevante und im Feld viel zitierte Texte zu nehmen. Eine Zitationsschwelle, die für alle Fächer gilt, gibt er nicht an: Zählungen sind zwischen den Fächern nicht vergleichbar.

Was sich als Startpunkt anbietet:

1. **Ein Review, das die Debatte noch trifft.** In einem schnell wechselnden Feld ist das oft ein neueres Review. In Geschichte, Recht, viel qualitativer Forschung und Theorie kann das massgebende Review älter sein.
2. **Texte, die im Feld viel zitiert werden**, wenn die Schlagwortsuche zu breit ist. Viel zitiert heisst viel zitiert in diesem Fach, nicht eine feste Mindesthöhe.
3. **Eine Dissertation zur selben Frage.** Das Literaturkapitel kann das Feld breiter aufspannen als die Literaturliste eines einzelnen empirischen Artikels. Wie viele Quellen eine Dissertation, eine Master- oder eine Bachelorarbeit tragen soll, hängt vom Fach, von der Abschlussstufe und von der Betreuung ab. Eine feste Spanne gibt es nicht. Jeden Eintrag prüfst du an deiner eigenen Frage.

Ein einzelner empirischer Artikel aus einer Forschergruppe ist ein enger Start. Seine Verweise können in genau diesem Gespräch bleiben.

### Das Literaturverzeichnis sichten

Wohlin geht das Verzeichnis in Schritten durch, nicht als Bauchentscheid pro Titel:

1. Zuerst alles streichen, was deine Grundkriterien nicht erfüllt: Sprache, Dokumenttyp, und eine Jahresgrenze nur dann, wenn die Frage eine braucht.
2. Weg damit, was du in einer früheren Runde schon geprüft hast.
3. Die übrigen Kandidaten am Titel, am Verwendungskontext im Text und, wenn das nicht reicht, am Volltext entscheiden.

Für jeden geprüften Text hältst du die Entscheidung fest: aufgenommen oder nicht, und warum. Diese Begründung brauchst du im Methodenkapitel.

### Vier Fragen pro Quelle

1. **Trägt der Text zur Frage bei?** Nicht nur: er erwähnt das Thema.
2. **Kannst du erkennen, was er tut oder argumentiert?** Das gilt für quantitative, qualitative und theoretische Arbeiten. Peer-Review ist ein Hinweis, keine Pflicht für jedes Fach. [Graue Literatur](https://acurio.ch/blog/graue-literatur-zitieren) braucht eine Begründung.
3. **Passt die Aktualität zur Frage?** In schnell wechselnden Feldern prüfst du, ob spätere Arbeiten den Text überholt haben. In Geschichte, Recht, viel qualitativer Forschung und Theorie ist ein älterer Text oft der Gegenstand oder weiterhin massgebend. Eine universelle Jahresgrenze gibt es nicht. Wenn du eine setzt, schreibst du sie als Entscheidung für diese Frage auf.
4. **Hast du den Volltext?** Ohne ihn kannst du die Stelle nicht selbst prüfen. Ihn nur über einen anderen Text zu zitieren ist ein [Sekundärzitat](https://acurio.ch/blog/sekundaerzitat-richtig-setzen).

## Vorwärts: wer hat zitiert?

Vorwärts brauchst du einen Zitationsindex. Drei Zugänge, die das hergeben:

- **Google Scholar.** Wohlin sichtet die zitierenden Arbeiten dort. Kostenlos, inhaltlich breit. Die Liste enthält mehr als begutachtete Zeitschriftenartikel. In seiner Replikation hat er nicht begutachtete Kandidaten ausgeschlossen. Das war sein Kriterium für diese Studie, nicht eine Regel für deine Arbeit.
- **Web of Science und Scopus.** Ebenfalls Listen zitierender Dokumente, enger filterbar, etwa nach Jahr und Dokumentart. Den Zugang hat meist die Universitätsbibliothek, nicht ein privates Abo.
- **Semantic Scholar.** Listet Zitationen und Literaturangaben und ist kostenlos. Auch das ist ein Index, keine Garantie, dass die Suche vollständig ist. Werkzeuge, die daraus einen Graphen bauen, vergleicht der Beitrag zu den [KI-Recherche-Tools](https://acurio.ch/blog/ki-recherche-tools-vergleich).

Praktisch: Lege die Kriterien fest, sichte die zitierenden Titel, und nimm nur auf, was du am Volltext belegen kannst. Wenn die Frage ist, ob der Startpunkt noch trägt, beginnst du bei den späteren zitierenden Arbeiten. In einem langsamen Fach gehst du weiter zurück. Eine feste Spanne der letzten drei oder fünf Jahre ist keine allgemeine Regel.

## Was du aufschreibst

Ohne Protokoll sieht die Suche aus wie eine zufällige Auswahl. Eine Betreuung kann dann nicht sehen, warum genau diese Texte in der Literaturbasis stehen. Das gilt auch für eine Bachelorarbeit, sobald du eine systematische Suche behauptest.

Wohlin hält in seiner Replikation Suchweg, Datum, Kandidaten und Ein- und Ausschluss fest. Als Mindestangaben reichen:

| Angabe | Beispiel, erfunden |
| --- | --- |
| Startset | Zwei Reviews, hier «Hoffmann 2024» und «Weber 2023» genannt. Keine echten Titel. |
| Richtung | Rückwärts und vorwärts |
| Datum | 15. bis 18. September 2026 |
| Genutzte Indices | Google Scholar, Scopus |
| Kriterien | Sprache Deutsch oder Englisch, Begutachtung nur wenn du sie verlangst, Jahresgrenze nur wenn die Frage eine hat |
| Ergebnis | Eine Zahl gesichteter Treffer, eine Zahl gelesener Volltexte, eine Zahl aufgenommener Texte |

Namen und Zahlen in der Tabelle sind ein ausgefülltes Muster. Sie sind keine Publikationen und keine Empfehlung, wie gross eine Literaturliste sein muss.

Wer eine systematische Übersichtsarbeit schreibt, zeigt den Fluss der Treffer oft nach einer Reporting-Guideline wie PRISMA: gefunden, gesichtet, aufgenommen. In einer normalen Abschlussarbeit reicht ein nummerierter Absatz im Methodenkapitel mit denselben Angaben.

## Typische Fehler

- **Nur rückwärts.** Spätere Arbeiten, die den Startpunkt zitieren, fehlen.
- **Ein einziges Cluster.** Wohlin warnt vor Gruppen, die einander nicht zitieren. Mehr als ein Startpunkt, aus verschiedenen Gruppen, Jahren und Publikationsorten.
- **Kein Protokoll.** Der Satz «Literatur wurde per Schneeballmethode gesucht» beschreibt keinen Suchweg.
- **Geschlossene Zitationsgruppe.** Wenn du immer bei denselben Namen landest, hast du eine Gruppe gefunden, nicht zwingend das Feld. Suche gezielt nach Texten, die dieser Gruppe widersprechen.
- **Zitierliste ungeprüft übernommen.** Google Scholar führt auch Preprints, Abschlussarbeiten und Berichte. Was davon in deine Arbeit darf, steht in deinen Kriterien, nicht in der Sortierung des Dienstes.

## KI-Werkzeuge und erfundene Quellen

Ein Chatbot, der Fliesstext erzeugt, kann eine Quellenangabe erfinden, die in keinem Katalog steht. Wie das aussieht, beschreibt [halluzinierte Quellen](https://acurio.ch/chatgpt-quellen). Werkzeuge, die einen Zitationsindex abfragen, geben Treffer aus diesem Index zurück. Ihre Zusammenfassung kann trotzdem danebenliegen. Den Vergleich solcher Werkzeuge findest du im Beitrag zu den [KI-Recherche-Tools](https://acurio.ch/blog/ki-recherche-tools-vergleich). Keines davon entscheidet für dich, ob eine Quelle in die Arbeit gehört.

## Was die Suche nicht prüft

Die Schneeballmethode liefert Kandidaten. Sie prüft nicht, ob der Satz in deinem Text die Stelle in der Quelle trifft. Das sieht weder ein Zitationsindex noch ein Graph.

> **Beispiel:** So sieht ein Verzeichnis mit erfundenen und falsch zugeordneten Einträgen im Check aus. [Beispiel-Zitat prüfen →](https://app.acurio.ch/quick-check?lang=de&sample=1&utm_source=blog&utm_medium=body_cta&utm_campaign=schneeballmethode-literatursuche)

Der Abgleich von Behauptung und hochgeladenem Volltext ist ein anderer Schritt. Wie er aufgebaut ist, steht auf der Seite zum [Literaturverzeichnis-Check](https://acurio.ch/literaturverzeichnis-pruefen).

## Checkliste vor der Abgabe

- Rückwärts und vorwärts sind beide gelaufen.
- Das Startset ist nicht ein einzelner Text aus einer einzigen Gruppe. Wie viele Texte es braucht, hängt von der Breite der Frage ab.
- Du kannst sagen, ob der Stand der Debatte in deinem Fach abgedeckt ist, einschliesslich späterer Arbeiten, die die Startpunkte stützen oder ihnen widersprechen. Eine feste Altersgrenze, etwa 24 oder 12 Monate, gibt es nicht.
- Suchweg, Datum, Indices, Kriterien und Trefferzahlen stehen im Methodenkapitel.
- Für jede aufgenommene Quelle hast du einen Grund.
- Zeitschriftenartikel hast du gegen die Hinweise in [Predatory Journals erkennen](https://acurio.ch/blog/predatory-journals-erkennen) gehalten.

Damit kann eine Betreuung nachvollziehen, wie die Literaturbasis entstanden ist. Ob jede Belegstelle im Text die Quelle trifft, ist eine eigene Prüfung und nicht Teil der Schneeballsuche.


## Häufige Fragen

### Was ist der Unterschied zwischen Rückwärts- und Vorwärtssuche?

Rückwärts (backward snowballing) heisst: das Literaturverzeichnis eines bekannten Textes durchgehen. Vorwärts (forward snowballing) heisst: schauen, welche späteren Arbeiten diesen Text zitieren. Claes Wohlin beschreibt beide Richtungen für systematische Literaturstudien (2014, doi.org/10.1145/2601248.2601268). Nur rückwärts fehlen dir die Texte, die nach dem Startpunkt erschienen sind.

### Ersetzt die Schneeballmethode die Datenbanksuche?

Wohlin kommt für systematische Literaturstudien in der Softwaretechnik zum Schluss, dass Snowballing als erste Suchstrategie eine Alternative zur Datenbanksuche sein kann. Das Startset selbst hat er mit einer Schlagwortsuche in Google Scholar gebildet. Für eine Abschlussarbeit hältst du fest, wie das Startset entstanden ist, und liest die Texte, die du aufnimmst. Eine Zitationskette ersetzt das Lesen nicht.

### Womit mache ich die Vorwärtssuche?

Wohlin sichtet zitierende Arbeiten über Google Scholar. Scopus oder Web of Science gehen auch, wenn die Bibliothek Zugang hat, und lassen sich enger filtern. Die Liste ist breiter als nur begutachtete Zeitschriftenartikel. Welche Dokumenttypen du aufnimmst, legst du vorher fest.

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Source: https://acurio.ch/blog/schneeballmethode-literatursuche
