# Gesetze und Urteile zitieren — der Stil, den niemand im Bachelor lernt

> Gesetze und Urteile richtig zitieren: §, BGH, EuGH, BGE — die Regeln pro Rechtsraum, mit konkreten Beispielen und den Fehlern, die in juristischen Arbeiten Punkte kosten.

Acurio · 2026-06-01 · aktualisiert 2026-07-19 · Gesetze zitieren, Urteile zitieren, Jura, Rechtswissenschaften, Bachelorarbeit

Wirtschaftsrecht, Steuerrecht, Compliance-Themen in BWL-Arbeiten, ganze juristische Hausarbeiten — sobald deine Quelle ein Gesetz, eine Verordnung oder ein Urteil ist, gelten andere Zitierregeln als für Bücher und Aufsätze. Die meisten Lehrbücher erklären sie nebenbei, kein Stilguide deckt sie systematisch ab. Diese Anleitung sammelt die Regeln pro Rechtsraum, mit konkreten Beispielen und den Fehlern, die in der Korrektur zuverlässig angestrichen werden.

## Warum Gesetze anders zitiert werden

Ein Gesetz ist keine geistige Schöpfung einer Autorin. Es gibt keinen Verlag und kein Erscheinungsjahr im üblichen Sinn. Stattdessen zitierst du eine **Norm** (zum Beispiel `§ 433 BGB`), die in einer bestimmten **Fassung** gilt. Wer ein Gesetz wie ein Buch zitiert ("Bundesministerium der Justiz, 2023") signalisiert dem Korrektor: hat nie eine juristische Hausarbeit gelesen.

Die zwei Grundprinzipien:

1. **Im Text** steht der Beleg direkt — meist in Klammern oder in der Fussnote, fast nie im Literaturverzeichnis.
2. **Die Fassung** muss erkennbar sein, wenn die Norm sich geändert hat oder sich noch ändern kann. "BGB i. d. F. v. 01.01.2024" oder das Bundesgesetzblatt mit Fundstelle.

## Deutsches Recht: § und Abs. und Satz

Der häufigste Fall in deutschsprachigen Arbeiten. Du zitierst eine Norm aus einem Gesetz mit § (oder Art. bei Verfassungen und EU-Recht), Absatz, Satz, Nummer.

> § 433 Abs. 1 Satz 1 BGB

Die Reihenfolge ist immer **§ → Abs. → S. → Nr.**, getrennt durch Leerzeichen, mit dem Gesetzeskürzel am Ende. Bei mehreren Normen trennst du mit Komma:

> §§ 433, 434 BGB

Bei einer Spanne:

> §§ 433 ff. BGB (für 433 und folgende)
> §§ 433 ff. BGB (zwei oder mehr folgende: ff., genau einer folgender: f.)

### Verfassung und Grundgesetz

Beim Grundgesetz und Verfassungen heisst es `Art.` statt `§`:

> Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG
> Art. 14 Abs. 2 GG

### Welche Fassung?

Hast du eine **aktuelle Norm**, reicht die schlichte Nennung. Beziehst du dich auf eine **frühere Fassung** (z. B. weil ein Urteil sie auslegt), kennzeichnest du das:

> § 651 BGB a. F. (alte Fassung)
> § 312 BGB n. F. (neue Fassung, nach der Reform 2022)

Wer den Streit um eine Reform behandelt, schreibt die Fundstelle in der Fussnote:

> § 312k BGB i. d. F. d. Gesetzes vom 10.08.2021, BGBl. I S. 3433.

## Schweizer Recht: OR, ZGB, BV

In der Schweiz wird mit `Art.` zitiert, nicht mit §:

> Art. 18 Abs. 1 OR
> Art. 2 Abs. 2 ZGB
> Art. 8 BV

Das systematische Recht (SR) hat eine Klassifikationsnummer — die brauchst du nur bei seltenen Verordnungen, bei den grossen Codes verzichtest du darauf. Bei einer Revision zitierst du das amtliche Bundesblatt: `BBl 2023 1234`.

## Österreichisches Recht: § und Verweis

Österreich nutzt § wie Deutschland, aber mit anderen Kürzeln:

> § 879 ABGB
> Art. 1 B-VG

Bei Bundesgesetzen mit Novellen wird die Fundstelle im BGBl. angegeben: `BGBl. I Nr. 58/2018`.

## EU-Recht: Verordnung, Richtlinie, Vertrag

Bei EU-Recht zitierst du erst den Rechtsakt, dann den Artikel, dann die Fundstelle im Amtsblatt — beim ersten Mal vollständig, danach mit Kurzform.

Erstes Zitat einer Verordnung:

> Art. 6 Abs. 1 lit. a Verordnung (EU) 2016/679 (DSGVO), ABl. L 119 v. 04.05.2016, S. 1.

Folgezitate:

> Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO

Bei Richtlinien gilt dasselbe Schema. Die Verträge (EUV, AEUV) zitierst du mit `Art.` und Vertragskürzel:

> Art. 267 AEUV

## Urteile zitieren — das eigentliche Problem

Während Gesetze relativ stabil sind, ist die Zitierform von Urteilen das, woran die meisten Bachelorarbeiten scheitern. Die Grundregel: **Gericht, Datum, Aktenzeichen, Fundstelle.**

### Bundesverfassungsgericht (BVerfG)

Die amtliche Sammlung heisst BVerfGE. Format: `Band, Anfangsseite (genaue Seite)`:

> BVerfGE 152, 152 (175) — Recht auf Vergessen I

Wenn das Urteil noch nicht in der amtlichen Sammlung ist:

> BVerfG, Urt. v. 06.11.2019 — 1 BvR 16/13, NJW 2020, 300.

### Bundesgerichtshof (BGH)

Die amtliche Sammlung heisst BGHZ (Zivilsachen) bzw. BGHSt (Strafsachen):

> BGHZ 217, 110 (118)
> BGHSt 65, 80 (84)

Mit Datum und Aktenzeichen, falls keine amtliche Sammlung vorliegt:

> BGH, Urt. v. 12.05.2023 — V ZR 152/22, NJW 2023, 2105.

### Europäischer Gerichtshof (EuGH)

Der EuGH zitiert sich seit 2014 selbst mit dem **ECLI** (European Case Law Identifier):

> EuGH, Urt. v. 13.05.2014 — C-131/12, ECLI:EU:C:2014:317 — Google Spain.

Die alte Sammlungsangabe (Slg.) ist für neuere Urteile entfallen, für ältere bleibt sie korrekt: `Slg. 2003, I-12519`.

### Schweizer Bundesgericht

Die amtliche Sammlung heisst BGE. Format: `Band römisch, Seite`:

> BGE 144 III 145 E. 3.2 S. 148

`E.` steht für Erwägung, der entscheidenden Argumentationsstelle im Urteil. Wer pauschal das ganze Urteil zitiert, ohne eine Erwägung zu nennen, signalisiert: hab nur den Leitsatz gelesen.

### Aktenzeichen verstehen

Ein BGH-Aktenzeichen wie **V ZR 152/22** liest sich so: **V** = Senat, **ZR** = Zivilrecht, **152/22** = laufende Nummer/Jahr. Bei BVerfG ist es **1 BvR** (Erster Senat, Verfassungsbeschwerde). Diese Logik unterscheidet sich pro Gericht — schau bei Unsicherheit in die Datenbank-Erklärung, **nie raten**.

## Kommentare und Lehrbücher dazu

In juristischen Hausarbeiten zitierst du fast nie eine Norm ohne dazugehörige Kommentarstelle. Die Formel: **Bearbeiter, in: Kommentar, Auflage Jahr, Norm Rn.**

> Grüneberg, in: Grüneberg, BGB, 83. Aufl. 2024, § 433 Rn. 5.

Bei mehreren Bearbeitern eines Kommentars wird der jeweilige Bearbeiter genannt, nicht die Herausgeberin:

> Faust, in: BeckOK BGB, Stand 01.02.2024, § 433 Rn. 12.

`Rn.` steht für Randnummer — die feingranulare Verweisung innerhalb eines Kommentartextes. Seitenzahlen werden in Kommentaren fast nie zitiert.

## Die typischen Fehler

**1. URL statt Aktenzeichen.** Eine Fussnote, die nur `https://www.bundesverfassungsgericht.de/...` enthält, ist kein juristischer Beleg. Aktenzeichen und Datum sind Pflicht.

**2. Falsche Reihenfolge.** `§ 1 BGB Abs. 2` ist falsch. Richtig: `§ 1 Abs. 2 BGB`.

**3. ff. und f. verwechselt.** `f.` = folgende (eine), `ff.` = folgende (mehrere). Bei `§ 433 f. BGB` zitierst du § 433 und § 434, bei `§ 433 ff. BGB` § 433 und mindestens zwei weitere.

**4. Erwägungsgrund vergessen.** In Schweizer BGE-Zitaten muss die Erwägung dabei sein, sonst ist das Zitat nicht prüfbar. Gleiches gilt im EuGH-Urteil mit der Randnummer (Rn. 47).

**5. "i. V. m." kreativ einsetzen.** Die Verbindung `§ 280 Abs. 1 i. V. m. § 241 Abs. 2 BGB` heisst: die beiden Normen werden zusammen angewendet. Wer das schreibt, weil zwei Normen "thematisch ähnlich" sind, ohne sie tatsächlich zu kombinieren, macht einen sachlichen Fehler — nicht nur einen Zitierfehler.

**6. Veraltete Auflage des Kommentars.** Wenn du den Palandt von 2018 zitierst, obwohl 2024 die 83. Auflage des Grüneberg vorliegt, wertet das jede Korrektur als Recherchefehler.

## Datenbanken und Werkzeuge

Für juristische Arbeiten brauchst du Zugang zu mindestens einer der grossen Datenbanken. In Deutschland: **juris** und **beck-online**. In Österreich: **RDB**, **RIS** (kostenlos amtlich). In der Schweiz: **Swisslex**, **bger.ch** für die Volltexte. EU: **EUR-Lex** (kostenlos amtlich) und **Curia** für EuGH-Urteile.

Aktenzeichen, ECLI und amtliche Fundstellen findest du dort verlässlich — und das ist genau, was du zitieren musst. Verzichte auf Sekundärquellen wie Google-Treffer oder Blog-Einträge für Belege.

## Wie Acurio juristische Belege prüft

Wenn deine Arbeit hundert Urteils- und Kommentarzitate enthält, dauert die Endkontrolle gegen die Originale länger als das Schreiben des Abschlusskapitels. Genau das ist der teuerste Fehler in juristischen Arbeiten: Eine Bearbeiterin in einem Kommentar sagt das Gegenteil von dem, was du behauptest — und in der mündlichen Prüfung wirst du genau auf diese Stelle gezogen.

[Acurio](https://acurio.ch/) liest deine Quellen mit. Egal, ob die Fussnote auf einen Kommentar, ein Urteil oder eine Verordnung verweist: Acurio prüft, ob die Aussage im Text mit der Aussage an der Belegstelle übereinstimmt. Die Form deiner Zitate (§ 433 Abs. 1 BGB oder § 433 I BGB) bleibt deine Sache — die inhaltliche Korrektheit übernimmt das Tool. So findest du Falschzitate, bevor sie der Zweitkorrektor findet.

## Checkliste vor der Abgabe

- [ ] **Jede Norm im richtigen Format?** § / Art., Abs., Satz, Nr., Gesetzeskürzel — in dieser Reihenfolge.
- [ ] **Bei Urteilen: Aktenzeichen oder amtliche Fundstelle vorhanden?** Keine reinen URLs.
- [ ] **Erwägung bzw. Randnummer angegeben?** Bei BGE und EuGH-Urteilen Pflicht.
- [ ] **Kommentare mit Bearbeiter und Auflage?** Nicht nur den Herausgebernamen.
- [ ] **Aktuelle Fassung verwendet?** Bei reformierten Normen "a. F." / "n. F." kennzeichnen.
- [ ] **Inhaltlich verifiziert?** Sagt die Belegstelle das, was du behauptest. Acurio nimmt dir diesen Schritt ab.

Wer Gesetze und Urteile sauber zitiert, signalisiert in der ersten Fussnote, dass er das Handwerk beherrscht. Wer sie sauber **und richtig** zitiert, gewinnt die Note dort, wo andere durch Formfehler und Inhaltsfehler Punkte verlieren.


## Häufige Fragen

### Gehören Gesetze ins Literaturverzeichnis?

Klassische Antwort: Nein. Gesetze werden im Text mit Norm und Fassung zitiert, ein eigener Verzeichniseintrag entfällt. Anders bei Verordnungen, Richtlinien und Bekanntmachungen, die manche Lehrstühle separat im Quellenverzeichnis führen — das steht im Leitfaden.

### Wie zitiere ich ein Urteil, das ich nur online auf einer Datenbank gefunden habe?

Mit der amtlichen Fundstelle, falls vorhanden (z. B. BVerfGE 152, 152). Wenn nicht: Gericht, Datum, Aktenzeichen und die Datenbank-Quelle (juris, beck-online, openJur) mit Abrufdatum. Eine reine URL ohne Aktenzeichen reicht für eine wissenschaftliche Arbeit nicht.

### Was ist der Unterschied zwischen 'Vgl.' und einem direkten Beleg in der Fussnote?

Vgl. heisst: 'siehe sinngemäss' — du paraphrasierst oder verweist auf eine Gesamtaussage. Ohne 'Vgl.' suggerierst du, dass die Stelle die exakte Aussage genau so trifft, idealerweise wörtlich. In juristischen Arbeiten wird das streng unterschieden.

### Wie zitiere ich ein EuGH-Urteil?

Seit 2014 mit dem ECLI: 'EuGH, Urt. v. 13.05.2014 — C-131/12, ECLI:EU:C:2014:317 — Google Spain.' Die Rechtssachennummer (C-131/12) und der ECLI identifizieren das Urteil eindeutig; die alte Sammlungsangabe (Slg.) gilt nur noch für ältere Urteile.

### Wie zitiere ich ein BGH-Urteil?

Mit amtlicher Sammlung, wenn vorhanden: 'BGHZ 217, 110 (118)' für Zivilsachen, BGHSt für Strafsachen. Sonst mit Datum, Aktenzeichen und Fundstelle: 'BGH, Urt. v. 12.05.2023 — V ZR 152/22, NJW 2023, 2105.'

### Wie zitiere ich Gesetzesartikel und Urteile in der Schweiz?

Gesetzesartikel mit Art. und Gesetzeskürzel: 'Art. 41 Abs. 1 OR'. Bundesgerichtsentscheide mit der amtlichen Sammlung BGE inklusive Erwägung: 'BGE 144 III 145 E. 3.2 S. 148' — die Erwägung (E.) zu nennen ist in juristischen Arbeiten Pflicht.

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